Kasseler Betriebsrätin darf bleiben

Nach Zoff mit Kundin: Kündigung von C&A-Mitarbeiterin unwirksam

Kassel. Im Februar geriet eine Verkäuferin des Kasseler Modehauses C&A mit einer Kundin aneinander. Dieser Konflikt endete für die 56-jährige Angestellte, zugleich Betriebsrätin, mit einer fristlosen Kündigung. Zu Unrecht, wie jetzt die 9. Kammer des Arbeitsgerichts Kassel urteilte.

Die Vorsitzende Richterin Sandra Langhoff verpflichtete C&A zur Weiterbeschäftigung der Verkäuferin und erklärte die Kündigung für unwirksam.

Zur Vorgeschichte: In den 23 Jahren, die die Verkäuferin für C&A arbeitete, ist sie 23 mal abgemahnt worden. Meist war unfreundliches Verhalten Kunden gegenüber der Grund, aber dem Vernehmen nach soll sich die 56-Jährige auch gegenüber Kollegen nicht immer einwandfrei verhalten haben. Laut Gewerkschaft Verdi wurden einige der Abmahnungen ungerechtfertigt und auf Verdacht ausgesprochen.

Im Februar nun wollte eine Stammkundin von 50 gekauften Kleidungsstücken 47 zurückgeben. Dabei geriet die 56-Jährige mit der Kundin aneinander. C&A kündigte der Betriebsrätin fristlos – übrigens mit Zustimmung der übrigen Betriebsratsmitglieder, sagte Unternehmenssprecher Lars Boelke auf Anfrage. Wegen des besonderen gesetzlichen Schutzes hätte C&A ohne dieses Votum gar nicht kündigen dürfen.

Obwohl der Ärger mit der Stammkundin nicht der erste Vorfall war, erklärte das Arbeitsgericht die Kündigung für unwirksam. Während Verdi sich in einer Pressemitteilung über die Rettung der Betriebsrätin freut, sagt Richterin Langhoff, dass die Betriebsratstätigkeit in dem Verfahren kaum eine Rolle gespielt habe.

Vielmehr seien die vorangegangenen Abmahnungen so „monoton“ gewesen, dass „die Warnfunktion entwertet“ gewesen sei. Umgekehrt: C&A hätte bei der Formulierung Steigerungen einbauen müssen, um der Arbeitnehmerin die Brisanz zu verdeutlichen. So habe die 56-Jährige nicht ahnen können, dass auf die letzte der zahlreichen Abmahnungen nun tatsächlich eine Kündigung folgte. Zudem müsse sich eine Verkäuferin nicht alles gefallen lassen. Gerade auch wenn sie von Kunden beleidigend angegangen werde, sagte Langhoff.

C&A werde gegen das Urteil „auf jeden Fall“ in Berufung gehen, kündigte Sprecher Lars Boelke an. So treffen sich beide Parteien in einigen Monaten vor dem Landesarbeitsgericht wieder. Selbst wenn eine Mitarbeiterin von Kunden unflätig behandelt werde, gebe es andere Wege als unfreundlich zu werden, sagte Boelke. „Dafür sind uns die Kunden zu wichtig.“ Und dass eine Kundin 47 von 50 gekauften Artikel umtauschen oder zurückgeben möchte, „ist völlig in Ordnung“ und kein Grund für Unfreundlichkeit.

Losgelöst von dem Fall müsse sich aber kein C&A-Arbeitnehmer beschimpfen lassen. Jedem Mitarbeiter stehe auch die Möglichkeit offen, einen Kollegen hinzuzuziehen, der den Kunden dann weiter bedienen könne, sagte Boelke. C&A könne von seinen Mitarbeitern erwarten, dass sie mit derlei Konfliktsituationen professionell umgehen und sachlich und freundlich bleiben.

Von Claas Michaelis

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa/dpaweb

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