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Künstler räumen ihr Atelier im Kulturbahnhof

Müssen aus ihrem Atelier: Die ehemaligen Kunstpreisträger Günter Stangelmayer (36) und Anna Holzhauer (32). Foto: Lohr

Kassel. Günter Stangelmayer wusste, dass der Tag kommen würde, und nun ist der Kasseler Künstler fast allein im Nordflügel des Kulturbahnhofs. Seit 2010 arbeitete der Absolvent der Kunsthochschule mit seiner Kollegin Anna Holzhauer im Atelier in den ehemaligen Lagerhallen.

Die sollen Anfang 2014 abgerissen werden, um Platz zu schaffen für ein Fraunhofer-Institut.

Der Neubau stärkt den Wirtschaftsstandort Kassel, darüber sind sich alle einig. Die Frage aber ist, was aus Künstlern wie Stangelmayer und Holzhauer wird. Deshalb gibt es eine Online-Petition „gegen ein zweites Salzmann am Kulturbahnhof“, die von fast 2000 Menschen unterzeichnet wurde.

Gefordert wird eine Koexistenz von Wirtschaft und Kultur im Nordflügel. Die Stadt hat aber klargemacht: Auf dem Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs wird es keinen Platz für die Kultur geben. Stangelmayer und Holzhauer müssen bis Anfang Dezember ein neues Zuhause finden. Sie und der Designer Rolf Brantsch sind die letzten Mohikaner im Nordflügel. Alle anderen haben den Ort bereits verlassen.

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Mit der Entwicklung haben sie sich abgefunden, zufrieden sind sie damit aber nicht. Beide haben einst den Kasseler Kunstpreis erhalten, Stangelmayer 2006, Holzhauer 2010. Mit ihren Namen hat sich die Stadt geschmückt. „Es wäre eine schöne Geste gewesen“, klagt Holzhauer (32), „wenn man im Rathaus gesagt hätte: ,Hier haben wir eine Alternative für euch.’“ Die gab es nicht.

Seit Monaten suchen sie einen Ersatz für ihr 130-Quadratmeter-Atelier. Doch in der Stadt gibt es nach dem Aus der Kulturfabrik Salzmann kaum Flächen für die Kultur. Stangelmayer und Holzhauer überlegten sogar, nach Habichtswald zu ziehen. Das wäre zu weit draußen gewesen. Beim letzten Atelierrundgang kamen fast 200 Besucher zu ihnen. Auf dem Land wären sie noch einsamer gewesen als jetzt.

Das Duo hofft nun, einen Raum von der Bahn in der Lagerhallenzeile gegenüber mieten zu können. Stangelmayer hat „etwas Muffensausen“, wie er sagt. Der 36-Jährige braucht „Produktionssicherheit“ für seine Großskulpturen, die er gerade in Genua und ab Januar in Frankreich ausstellt.

Anders als viele andere Uni-Absolventen sind die beiden nach dem Studium in der documenta-Stadt geblieben. Nun sagt Holzhauer: „Zwischen den documenta-Ausstellungen lebt die Kulturlandschaft hier nicht.“ Ihr fehlt etwa ein Atelierhaus wie in anderen Städten. Einmal erhielten Holzhauer und Stangelmayer Besuch von einem Sammlerpärchen aus dem Ruhrgebiet. Die staunten mit großen Augen über das Areal und die Kreativen dort. Sie sagten, so etwas würde bei ihnen nicht abgerissen. „In anderen Städten“, glaubt Holzhauer, „wird die Kultur mit anderen Augen gesehen.“

Von Matthias Lohr

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