Der Schweizer Christian Philipp Müller will als neuer Rektor die Kunsthochschule behutsam erneuern

Ein Künstler, kein Verwalter

Der Rektor: Christian Philipp Müller in seinem Büro, das er auch als Ausstellungsraum, als „Schaufenster“ nutzen möchte. Wichtig ist ihm nicht der Schreibtisch, sondern ein großer Tisch. Foto: von Busse

Kassel. Christian Philipp Müller hasst festgelegte und glaubt an multiple Identitäten, wie er in einem langen Interview auf seiner Homepage erklärt. Insofern ist es nicht erstaunlich, dass der Performance- und Konzeptkünstler seit 1. August Rektor der Kunsthochschule Kassel ist.

Aber verblüffend ist es eben doch: Weil sich der Künstler Müller immer auch mit Institutionenkritik beschäftigt hat. Jetzt steht er selbst einer großen Institution mit einem bürokratischen Apparat vor. „Ich bin aber kein Administrator“, warnt Müller, dessen Amtszeit vier Jahre beträgt.

Dass der Rollenwechsel nicht leicht ist, hat Müller schnell gespürt. Als ihn zum Beispiel die Bauverwaltung der Uni auf Kunstwerke in den Kellern aufmerksam machte - aber als „brennbare Objekte, die die Fluchtwege verstellen“.

Bei einer Ausstellung sei er vor allem für sich selbst verantwortlich, sagt Müller. Jetzt haben Studierende, Professoren, Beschäftigte in Mittelbau und Verwaltung Erwartungen. Es sei „menschenunmöglich“, sie alle sofort zu erfüllen. Das spürt er an der verfahrenen Situation im Studiengang Visuelle Kommunikation, wo die Filmklasse von Yana Drouz und eine Freie Filmklasse nebeneinander existieren, ohne den Austausch, wie Müller ihn sich wünscht und wie er zwischen vielen Klassen gang und gäbe ist.

Ein Austausch zwischen Disziplinen, zwischen Dozenten und Studierenden - „auf Augenhöhe“ - und auch zwischen unterschiedlichen Hochschulen, wofür er sich „viel aktivere Modelle“ mit mehr Spontaneität wünscht. „Man hat aber nicht endlos Räume, Stellen, Geld zu verteilen“, weiß Müller.

Was hat ihn dennoch an der Rolle des Rektors gereizt? Herauszufinden, „ob man so einen Apparat von innen her erneuern kann“, erwidert er. Möglich sei das nur „durch Zuhören und lange Gespräche“, durch die Beteiligung unzähliger Gremien und indem er in kleinen Schritten Vertrauen schafft. Dass er dafür diplomatisches Geschick benötigt, weiß er.

Seine eigene Kunst hat der Rektor Müller dafür „im Moment zurückgestellt: Es geht einfach nicht.“

An der documenta 13 wird Müller jedoch als Künstler beteiligt sein - so wie 1997, als er zwei wichtige Werke der documenta-Geschichte, Beuys’ 7000 Eichen und Walter de Marias Erdkilometer, mit einem „Balanceakt“ buchstäblich und im übertragenen Sinn miteinander verknüpfte.

20 Jahre zuvor war die documenta für den damals 19-Jährigen ein Schlüsselerlebnis. Ehe er zur Armee eingezogen wurde, verbrachte Müller eine ganze Woche in Kassel: „Es war damals unvorstellbar, dass Künstler ein Beruf sein könnte.“

Jetzt bildet er selbst Studenten aus, leitet eine Hochschule. Den Kaffee für seine Besucher setzt Müller aber selbst auf: „Dass die Sekretärin für den Chef Kaffee macht, muss nicht sein.“

Von Mark-Christian von Busse

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