Bäckermeister Horst Becker erinnert sich an die  Zusammmenarbeit mit Kunstprofessor Harry Kramer

Der Künstler und das Brot

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Künstler in der Backstube an der Friedrich-Ebert-Straße: Bäcker Horst Becker (Mitte) 1971 mit dem damaligen Kunststudenten Gunter Demnig (von links), Harry Kramer und zwei Studenten beim Entwickeln des Brotteigs.  

Kassel. Es gibt ein bedeutendes Relikt in der Kasseler Traditionsbäckerei Becker, das an die fruchtbare Zusammenarbeit von Bäckermeister Horst Becker mit dem damaligen Enfant terrible der Kunstszene, Professor Harry Kramer, erinnert: das „Flockenbrot“.

„Den Teig“, so erinnert sich Horst Becker (79), „habe ich damals eigens für Kramers Brotskulpturen entwickelt. Und noch heute ist die Rezeptur bei unseren Kunden beliebt.“ Der Teig besteht aus zwei Dritteln Weizenmehl und einem Drittel Roggenmehl, verrät er.

Nach wie vor kann sich jeder auch von der gestalterischen Qualität des Werkstoffs Brotteig überzeugen. Ein bisschen geschrumpft ist er im Laufe von fast 50 Jahren, aber ansonsten sieht er tadellos aus, der Brotkopf, der erkennbar das Selbstporträt Harry Kramers darstellt. „Brot kann ewig halten“, sagt Becker, der sich mitnichten über den guten Erhaltungszustand des Kunstwerks wundert.

Kunstwerk im Museum für Sepulkralkultur: Horst Becker betrachtet einen der Brotköpfe Harry Kramers.

In den 1970er-Jahren hat der charismatische Künstler, dessen Markenzeichen eine immense Kreativität war, seinen plastischen Blick auf das Material Brot gelenkt. Kramer sprach Bäcker Becker an, ob er sich eine Zusammenarbeit vorstellen könne. Warum nicht? Und so wurden in Beckers Backstube im Vorderen Westen im Sommer 1971 Rezepturen ausgetüftelt.

Damit die Beckers einen Einblick in die Arbeit des Kunstprofessors bekamen, wurden Horst und Ehefrau Elfi ins legendäre Atelier Kramer an der Kunsthochschule eingeladen. „Das war ein Erlebnis“, sagt Becker, „Harry Kramer saß vor seinen Studenten und dozierte – in Unterwäsche.“ „Dabei war er immer höflich und zuvorkommend“, sagt Elfi Becker (79), „ein sympathischer Mensch.“

Nicht nur zahlreiche Brotköpfe entstanden – allein das Museum für Sepulkralkultur ist im Besitz von fünf Köpfen, und die Backform ist im Ulmer Brotmuseum zu bewundern. Zu den figürlichen Plastiken, die aus Beckers Brotteig entstanden, gehören auch Darstellungen von gefesselten und gemarterten Menschen in Lebensgröße.

Doch damit war die Backwerk-Ära noch lange nicht beendet: Deutschrocksänger Udo Lindenberg war auf die Kasseler aufmerksam geworden und wurde zum Fan der Brotplastiken. Für seine von Theatermacher Peter Zadek inszenierte Rock-Revue „Dröhnland-Symphonie“ bestellte er bei Kramer lebensgroße Skulpturen von sich. Dafür ließ sich Lindenberg im Januar 1979 vom Atelier Kramer eine Backform von seinem Körper abnehmen. Aus dem bewährten Bäcker-Becker-Teig, den sie sich aus der Backstube in großen Mengen holten, buken Kramers Studenten dann mehrere Udo-Lindenberg-Skulpturen.

Auf seiner Tournee zerteilte Lindenberg die Brotfiguren und warf die Stücke ins Fanpublikum. „Ich habe dann in der Zeitung gelesen, dass das viele Menschen skandalös fanden“, sagt Becker und kann darüber heute nur noch lachen.

Hintergrund

Nach Kassel hatte es den 1925 in Lingen geborenen Künstler und späteren Kunstprofessor Harry Kramer durch die documenta, deren Teilnehmer er 1964 war, verschlagen. Der vor Ideen sprühende, umtriebige Kramer kokettierte damit, dass er Friseur gelernt und als Tänzer gearbeitet hatte. Eine große Retrospektive, die 1990 in Stuttgart und Lingen und 1991 in Kassel zu sehen war, hatte den Titel „Ein Frisör aus Lingen“. Kramer starb 1997. Er wurde auf der von ihm initiierten Künstler-Nekropole am Blauen See im Habichtswald an unbekanntem Ort beigesetzt. Seine Frau Helga und Sohn Anton leben in Südfrankreich. Die Ausstellung „Harry Kramer“ im Museum für Sepulkralkultur ist bis 17. April zu sehen: Di 10 – 17 Uhr, Mi 10 – 20 Uhr, Do bis So 10 – 17 Uhr.

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