Kultur- und Gründerszene möchte Interessensvertretung aufbauen

Wer ist in Kassel eigentlich zuständig dafür, die Interessen der Kultur- und Kreativwirtschaft zu vertreten?

Kassel. Wer ist in Kassel eigentlich zuständig dafür, die Interessen der Kultur- und Kreativwirtschaft zu vertreten? Dies war die zentrale Frage bei einer Podiumsdebatte, zu der die Initiative „Kein zweites Salzmann am Kulturbahnhof“ in die Caricatura-Bar eingeladen hatte.

Zu der Veranstaltung mit Stadtbaurat Christof Nolda als Vertreter des Magistrats waren etwa 50 Zuhörer aus der Szene gekommen. Aus ihrem Kreis wurde kritisiert, dass die Kreativen bei den Infrastrukturplanungen der Stadt stets das Nachsehen habe. Erst seien die Ateliers, Probenräume und Werkstätten in der Salzmannfabrik gekündigt worden, obwohl das Gelände weiterhin brach liegt - „ein Vertrauensbruch“, wie eine bisherige Nutzerin klagte. „Wenn so eine Szene erst mal zerschlagen ist“, könnten sich die Betroffenen noch weniger als zuvor Gehör verschaffen.

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Und nun - Anlass für die Debatte - steht der Abriss der Lagerhallen auf der Nordseite des Kulturbahnhofs bevor, weil dort die Fraunhofer-Gesellschaft bauen will. „Es geht uns nicht darum, dies zu verhindern“, sagte Gila Kolb, Verfasserin einer Petition, die 2000 Menschen unterschrieben haben. Nötig sei aber eine Grundsatzdebatte darüber, wie sich die Interessen der Stadt und jene der Kulturwirtschaft verbinden ließen.

Dafür brauche es „eine Art Kümmerer“, sagte der frühere Stadtplanungsprofessor Christian Kopetzki. Das Thema könne nicht nur Einzel-Aktivisten wie Sebastian Fleiter (Nachrichtenmeisterei) oder Frank Thöner (Verein Kulturbahnhof) überlassen werden, die sich um ihre eigenen Projekte zu kümmern hätten. Auch weitere Redner sprachen sich für eine neutrale Koordinierungsstelle aus, die zwischen den Kreativen und dem Rathaus vermitteln solle.

Einen diskutierbaren Vorschlag, wie dies organisiert werden könnte, hatten die Veranstalter der Debatte nicht vorbereitet. Auch Stadtbaurat Nolda hatte dazu nichts Weiterführendes im Angebot, er argumentierte weitgehend aus der Defensive heraus. Fraunhofer sei stadtplanerisch „eine Superchance“, ein Erhalt einzelner Nordflügelgebäude sei für ihn kaum vorstellbar, und wer als Kreativer heimatlos werde, den „versuche die Stadt nicht allein zu lassen“. Allerdings, so Nolda, habe sich bisher so gut wie kein Betroffener beim Rathaus gemeldet und um Unterstützung bei der Raumsuche gebeten.

Dies nannte Andrej Holm. Sozialforscher von der Berliner Humboldt-Uni, „ein Muster der Postpolitik“: Es könne nicht sein, dass sich die Stadt in dieser Frage bloß für aktiv angeforderte Einzelfallhilfe zuständig fühle. Vielmehr brauche es kulturpolitische Willenserklärungen und Visionen, und da sei das Rathaus in der Pflicht. Holm fragte: „Wer entscheidet eigentlich, was im Gesamtinteresse der Stadt ist?“

Ohne dass die Debatte konkrete Perspektiven eröffnet hätte, wie es nun weitergehen soll: „An der Kommunikation muss man wohl tatsächlich arbeiten“, sagte Magistratsvertreter Christof Nolda.

Von Axel Schwarz

Hintergrund: Nächste Debatte zur Kulturfabrik Salzmann

Eine weitere Debatte zum Thema soll es am Mittwoch, 27. November, geben: Die früheren Nutzer der Kulturfabrik Salzmann laden für 20 Uhr zu einem Forum an den Kupferhammer in die Leipziger Straße 407 ein, wo einige der Kulturschaffenden nach der Kündigung aller Salzmann-Mietverträge ein Ausweichquartier gefunden haben. Nachdem Projektentwickler Dennis Rossing die Pläne zur Entwicklung des Salzmanngeländes hat platzen lassen, wollen die Kulturschaffenden unter anderem darüber reden, „ob die Stadt uns grob fahrlässig entmietet hat“ und wie es insgesamt weitergehen soll.

Kontakt: info@kulturfabrik-kassel.de; Tel. 0561/ 57 25 42

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