Interview mit EU-Jury-Mitglied Ulrich Fuchs

Kulturhauptstadt-Bewerbung: „Große Konkurrenz für Kassel“

Kassel will wieder hoch hinaus: Jonathan Borowskys Skulptur „Man walking to the sky“ vor dem Kulturbahnhof. Foto: Zucchi / dpa

Kassel. Im zweiten Anlauf soll es klappen: Kassel möchte 2025 Kulturhauptstadt werden. Die Konkurrenz ist jedoch groß, sagt Ulrich Fuchs, der bei der Auswahl mitentscheidet.

Fuchs ist „vom Stürmer zum Schiedsrichter geworden“, wie er selbst sagt. Von 2003 bis 2005 betreute der unter anderem in Bad Wildungen aufgewachsene Kulturmanager die Bewerbung Bremens zur Europäischen Kulturhauptstadt. Am Ende wurden es weder die Hansestadt noch das konkurrierende Kassel, sondern Essen und das Ruhrgebiet. Später war Fuchs stellvertretender Intendant der Kulturhauptstädte Linz (Österreich, 2009) und Marseille (Frankreich, 2013). Seit 2014 ist er Mitglied der EU-Jury zur Auswahl der Kulturhauptstädte. Wir sprachen mit dem 63-Jährigen über Kassel, das einen neuen Anlauf für 2025 unternehmen will.

Ist Kassel in Ihren Augen reif, Europas Kulturhauptstadt zu werden?

Ulrich Fuchs: Zum jetzigen Zeitpunkt ist keine deutsche Stadt reif. Sonst bräuchte man ja nicht die lange Vorbereitungszeit. Kassel hat aber Erfahrung durch die Bewerbung für den Titel 2010. Zudem hat Kassel Potenzial. Die Anforderungen, ein Konzept zu entwerfen, sind gegenüber der letzten Bewerbung 2003-2005 allerdings sehr viel anspruchsvoller geworden.

Inwiefern? 

Fuchs: Der Titel ist sehr viel begehrter geworden. In Italien hatten wir zuletzt in der ersten Auswahlrunde 21 Städte. In Deutschland waren es beim letzten Mal 16 und in der engeren Auswahl dann 10. Das Auswahlverfahren ist komplexer geworden. Einige Elemente, die vor zehn Jahren nur am Rand beachtet wurden, stehen nun im Mittelpunkt, etwa die Nachhaltigkeit des Konzepts. Die Städte müssen heute weit über das Jahr der Kulturhauptstadt hinausdenken und etwa die Rolle der Kultur in der Stadtgesellschaft definieren. Es geht nicht um die Organisation eines Festivals, sondern um ein Stadtentwicklungsprojekt, das alle Bereiche des gesellschaftlichen Lebens ins Feld holen muss. Die Konkurrenz in Deutschland wird groß sein. Wenn der Entschluss in Kassel feststeht, steht spätestens ab 2017 sehr viel Arbeit an. Die Entscheidung fällt Ende 2020.

Wie läuft das Verfahren? 

Fuchs: In der ersten Etappe muss ein maximal 100 Seiten umfassendes Kultur- und Stadtentwicklungskonzept für die nächsten zehn Jahre aufgestellt werden. In der zweiten Etappe überzeugen sich Teile der Jury in den Städten von der Bewerbung. Und schließlich zeigt die Stadt ihre Bewerbung der Jury in einer 30- bis 45-minütigen Präsentation. Anschließend wird diskutiert.

Funktioniert die Vergabe wie bei einer Fußball-WM, wo Fifa-Funktionäre bestochen werden? 

Fuchs: Nein, mit goldenen Uhren kann man die Jury nicht für sich einnehmen. Es geht alles mit rechten Dingen zu. Die Städte sollten nicht nur das Erreichte zeigen wie in Kassel das Weltkulturerbe, sondern vor allem die Baustellen und die Perspektiven. Die Bewerbung ist weniger ein Schönheitswettbewerb. In Frankreich war es so, dass der Bürgermeister von Bordeaux die Jury bei Sekt empfangen und ihr nur die schönen Seiten der Stadt gezeigt hat. In Marseille dagegen wurde die Jury als Erstes ins Gefängnis gebracht, wo Künstler zeigten, wie man mit Häftlingen Kunst macht. Letzteres hat die Jury mehr überzeugt.

Was kostet eine Kampagne? 

Fuchs: Das ist unterschiedlich. Wenn eine Stadt eine gute Kulturabteilung hat, muss man sich nicht unbedingt noch etwas von außen einkaufen. In Bremen hat man dagegen eine GmbH gegründet. Die Bewerbung hat die Stadt zwei Millionen Euro gekostet.

Das ist eine Menge Geld. 

Fuchs: Ja, aber wir haben es nicht in den Wind geschossen. Mit dem Geld wurden bereits viele Projekte in Gang gebracht, die es sonst nur sehr viel später oder gar nicht gegeben hätte – wie das Gleiswerk im Güterbahnhof, wo es nun eine lebendige Underground-Kulturszene gibt. Jeder Bewerber sollte einen Plan B in der Schublade haben.

Was hat der Titel langfristig für die Stadt Linz gebracht, die schon wegen ihrer Größe mit Kassel vergleichbar ist?

Fuchs: Linz wird nicht mehr nur mit Hitler verbunden, sondern als zeitgenössische Stadt wahrgenommen. Zudem ist der Kulturtourismus gestärkt worden. Die Zahl der Übernachtungen lag in den vergangenen Jahren auf dem Niveau des Kulturhauptstadtjahres. Damit hatte niemand gerechnet. Das hat auch mit dem Imagewandel zu tun. Die Radfahrer an der Donau bleiben nun stehen, weil sie wissen, dass es etwas zu sehen gibt. Mittlerweile gibt es sogar eine Debatte, ob sich Linz für 2024 erneut bewerben sollte.

Von Matthias Lohr

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- Hilgen: Neue Bewerbung für Kulturhauptstadt

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