"Das ist eine Katastrophe für Kassel"

Kulturzelt Kassel vor dem Aus: Nun wehrt sich die Stadt

Sieht nicht nur von außen schick aus: Das Kasseler Kulturzelt.
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Sieht nicht nur von außen schick aus: Das Kasseler Kulturzelt.

Kassel. Ist das Kasseler Kulturzelt Geschichte? Die Organisatoren wollen das Festival an der Drahtbrücke nicht mehr veranstalten. Sie vermissen Unterstützung durch die Stadt. Die wehrt sich.

Aktualisiert am Donnerstag um 17 Uhr: Schreckensnachricht in der Kasseler Kulturszene. Die Organisatoren des Kulturzelts haben am Morgen bekanntgeben, dass sie das Festival an der Drahtbrücke nicht mehr weiter veranstalten wollen. "Das Kulturzelt Kassel sagt Good Bye" ist eine Mitteilung überschrieben, die Angelika Umbach und Lutz Engelhardt per Mail und Facebook verbreitet haben.

Dort heißt es: "Vielleicht sehen wir uns in einem anderen Format wieder, das Sommerfestival im Zelt wird zukünftig nicht mehr von unserem Trägerverein betrieben. Wir reagieren damit auf die Rahmenbedingungen in der Stadt Kassel und das Risiko für unseren Trägerverein, die eine Fortführung auf dem von uns gezeigten Niveau nicht weiter ermöglichen."

Die formalen Rahmenbedingungen seien "jedes Jahr repressiver geworden". Die "schwierigen, selbstausbeuterischen und riskanten Bedingungen seien nicht mehr weiter tragbar" für das Duo, hinter dem ein Trägerverein steht. Unter anderem habe sich die Förderung seit 1994 nicht erhöht, während Ausgaben für Schallschutz, Personal, Sicherheit und Infrastruktur ständig gestiegen seien. 

Ob der überraschende Schritt das endgültige Aus für das Festival ist, bleibt unklar. Umbach und Engelhardt kündigen an, den festen Konzertbau, der seit 2010 Austragungsort des Kulturzelts ist, der Stadt zur Verfügung zu stellen: "Wir haben uns das Festival von der Stadt nur geliehen." Die Verantwortlichen im Rathaus haben erst durch die Mitteilung vom Rückzug von Umbach und Engelhardt erfahren. Kulturdezernentin Susanne Völker sprach von großer Verwunderung und ebenso großem Bedauern. Sie habe dafür gesorgt, dass die Förderung der Stadt von 27.340 Euro in diesem Jahr auf 70.000 Euro im 2019er-Haushalt aufgestockt werden soll. Das ist eine Steigerung von mehr als 42.000 Euro: "Von mangelnder Unterstützung kann überhaupt keine Rede sein." 

Völker sagt, sie habe sofort nach dem Amtsantritt das Gespräch gesucht. Genau um den ihr genannten Fehlbetrag sei die Fördersumme erhöht worden. Dies habe sie den Veranstaltern auch mitgeteilt. Warum, so fragt sich Völker, wurde ihr Angebot, über die Entwicklung im Gespräch zu bleiben, nicht angenommen?

Die Organisatoren: Angelika Umbach (Mitte) und Lutz Engelhardt mit Nina Klein vom Sponsor Wintershall.

Umbach wiederum kritisiert, dass es keine verbindliche Kommunikation mit der Stadt gegeben habe. Ihren Rückzug hätten sie bereits im November 2017 in einem Schreiben an Völker angekündigt: "Daher kann er gar nicht so überraschend kommen."

Mit dem hatten jedoch selbst Kenner der Szene nicht gerechnet. Noch vor einem Monat hatten die Veranstalter nach der 32. Saison eine Rekordbilanz gezogen: "Es war der schönste Sommer, den wir je erlebt haben." 28.000 Zuschauer bedeuteten eine Bestmarke. Von 33 Konzerten waren 20 ausverkauft.

Kulturzelt-Kenner sind schockiert

Marcel Klier vom Kulturzentrum Schlachthof dachte zunächst an einen Scherz, als er die Nachricht vom Aus am Morgen bei Facebook sah: "Ich bin fast schockiert und habe das nicht kommen sehen." Markus Knierim vom Theaterstübchen sagt: "Das ist eine Katastrophe für die Stadt. Das Kulturzelt war für Kassel wie eine WM." Sein Kollege Klier hat immerhin die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass es doch weitergeht: "Es sollte jetzt einen Dialog geben."

Auch beim Hauptsponsor Wintershall hatte man mit dem Schritt nicht gerechnet. "Die Entscheidung hat uns überrascht und wir bedauern sie sehr", sagte Sprecher Michael Sasse: Mit den Machern habe man stets sehr gut zusammengearbeitet. Das Festival stünde wie kaum etwas anderes für den Kasseler Sommer.

Umbach und Engelhardt unterdessen wollen ihre Entscheidung nicht näher erläutern. "Diese Entscheidung ist uns und dem Verein sehr schwergefallen. Im Moment möchten wir keine weiteren Statements abgeben und brauchen erstmal ein paar Tage Zeit, um zu uns zu kommen", schrieb Engelhardt auf unsere Anfrage.

Zu groß ist offensichtlich die Enttäuschung gegenüber der Stadt. Die Kulturarena Jena, in der meist dieselben Acts wie in Nordhessen auftraten, und den Hafensommer in Würzburg will er weiterhin kuratieren: Dort stünden "die Stadt und deren Institutionen geschlossen dahinter. Da ist ganz viel Liebe bei den Verantwortlichen." Auch das ist eine Kritik an Kassel.

Andere Insider betrachten das Konstrukt in Kassel als überholt. "Ein Verein steht in direkter Haftung", sagt ein Festival-Veranstalter aus einer anderen deutschen Stadt: "Zudem geht es nicht nur um Zuschüsse, sondern auch die organisatorische Zusammenarbeit sowie die Wertschätzung."

Parteien fordern Gespräche

Nun sieht es so aus, als würde eine Ära enden, die 1987 als Begleitprogramm zur documenta  begonnen hatte. Seit der ersten Auflage hatte sich das Ereignis schnell einen Namen in der deutschen Festival-Landschaft gemacht. Manche nannten es das "deutsche Montreux" - in Anlehnung an das berühmte Jazz-Festival am Genfer See. Das Programm in diesem Sommer hielten viele Besucher für das beste seit langem - auch die Atmosphäre am Fuldaufer war einzigartig. Kam das Beste damit zum Schluss? 

Die Politik hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass es doch weitergeht. Die CDU-Fraktion fordert die Stadt auf, "alles dafür zu tun, dass das Kulturzelt doch auch 2019 wieder an der Fulda stattfinden kann". Gernot Rönz, der kulturpolitische Sprecher der Grünen, bringt schon Alternativen ins Spiel: Wenn die Gespräche mit dem Trägerverein nicht zum Erfolg führen, sollte nach neuen Lösungen für die Bespielung dieses einzigartigen Kulturortes gesucht werden." 

Hier blicken wir auf die Geschichte des Kasseler Kulturzelts zurück

Bilder

Kulturzelt-Eröffnung

Kulturzelt 2017 Eröffnungsabend mit "Seven"Foto: Andreas Fischer
 © HNA/Fischer
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Kulturzelt 2017 Eröffnungsabend mit "Seven"Foto: Andreas Fischer
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Kulturzelt 2017 Eröffnungsabend mit "Seven"Foto: Andreas Fischer
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Kulturzelt 2017 Eröffnungsabend mit "Seven"Foto: Andreas Fischer
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Kulturzelt 2017 Eröffnungsabend mit "Seven"Janine Herr, Christian GeselleFoto: Andreas Fischer
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Kulturzelt 2017 Eröffnungsabend mit "Seven"Foto: Andreas Fischer
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Kulturzelt 2017 Eröffnungsabend mit "Seven"Foto: Andreas Fischer
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Kulturzelt 2017 Eröffnungsabend mit "Seven"Foto: Andreas Fischer
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Kulturzelt 2017 Eröffnungsabend mit "Seven"Foto: Andreas Fischer
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Kulturzelt 2017 Eröffnungsabend mit "Seven"v.l. Eliza, Emine, Arlette, EmmaFoto: Andreas Fischer
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