Telefonseelsorge verzeichnet wachsende Nachfrage im Internet

Heimarbeit am Computer: Die Telefonseelsorge-Beraterin mit dem Pseudonym Klara schaut nach, ob neue Anfragen im elektronischen Briefkasten sind. Foto: Dilling

Kassel. Wer sich in einer tiefen Lebenskrise befindet, für den ist die Kasseler Telefonseelsorge oft die erste Anlaufstelle. Doch der Griff zum Telefon wird heute immer öfter vom Computer abgelöst. Seit Jahren hat die Seelsorge einen zentralen Kummerkasten im weltweiten Netz installiert.

Auch für die vier Kasseler Berater, die dort E-Mails beantworten, wächst die Arbeit.

Bundesweit gebe es eine deutliche Tendenz nach oben, sagt der psychologische Leiter (Supervisor) der Kasseler Telefonseelsorge, Dr. Roland Gayer. 2004 waren es gut 3400 Anfragen im Netz. 2009 seien es schon rund 4300 elektronische Hilferufe gewesen, sagt Gayer. Aus den Erstanfragen entwickele sich ein reger, oft über Monate dauernder Austausch der elektronischen Post. 2009 gingen beispielsweise 13 000 Folgemails von Hilfesuchenden ein, nachdem der erste Kontakt über das Internet geknüpft war.

Die Kasseler Seelsorge-Berater übernehmen laut Gayer jährlich 220 Neuanfragen aus dem Internet. Den Kontakt im Netz suchten vor allem Männer und jüngere Leute. „Die medialen Gewohnheiten der Menschen haben sich geändert. Ich rechne mit einer weiteren Zunahme der Internetanfragen“, sagt Gayer dazu. Außerdem falle es wohl vielen Leuten leichter, über ihre Probleme zu schreiben, als ihre Emotionen am Telefon preiszugeben. Die Ratsuchenden bekommen ein persönliches Passwort für den Kummerkasten zugeteilt. Sie blieben anonym, auf Datenschutz werde streng geachtet, sagt Gayer.

Die Beratung im Internet ist anspruchsvoll, hat aber auch Vorteile. „Die Hemmschwelle der Kontaktsuchenden ist niedriger als beim Telefon“, sagt eine der Beraterinnen, die unter dem Pseudonym Klara auftritt. Sonst hätte sich vielleicht jene Türkin bei Klara nicht gemeldet, die ein Problem wegen einer ungewollten Schwangerschaft hatte. Anderseits sei es schwerer, die Gemütslage des unsichtbaren Gegenüber herauszufinden. „Ich muss die Stimmung des Anderen zwischen den Zeilen herauslesen“, sagt Klara. Ein Vorteil der E-Mails sei, dass man als Berater Zeit habe, Informationen für den Ratsuchenden zu besorgen, während man am Telefon häufig nur aus dem Stegreif antworten könne. (pdi)

Anmeldung zum Chat im Internet unter www.telefonseelsorge.de, kostenloses Seelsorge-Telefon 08 00/1 11 01 11 oder 08 00/1 11 02 22

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