Gedenken zwischen „Heldentod“, einer Tafel für Deserteure und Skulptur des Nazi-Verfolgten Hans Sautter

Dank documenta: Kassel schaut wieder auf das Ehrenmal

Ehrenmal in der Karlsaue: Auf dem Weg nach oben zur Schönen Aussicht kommt man an außergewöhnlichen Gedenktafeln und der Skulptur eines gefallenen Soldaten vorbei. Foto: Fischer

Kassel. Es ist kein documenta-Kunstwerk, doch so viele Menschen wie in diesen Tagen bevölkern das Ehrenmal in der Aue sonst nie. Wer den Trampelpfad von der Schönen Aussicht hinuntergeht, kommt über die Treppen der Anlage wieder hinauf. Der Weg führt vorbei an teilweise verstörenden Gedenktafeln.

 „Treues deutsches Blut“ ist da von einem Kurhessischen Artillerie-Regiment vergossen worden. Auch an Pioniere wird erinnert. Sie „starben den Heldentod“. Nicht nur die Künstlerin Natascha Sadr Haghighian, eine Engländerin, hat eine Tafel besonders beeindruckt. Auf der ist ein Relief zu sehen, das einen Panzer zeigt. An das „Panzerkorps Großdeutschland“ wird dort erinnert. Die Künstlerin, die sich intensiv mit dem Rüstungsstandort Kassel beschäftigt hat, glaubt in dem Relief einen Tiger-Panzer von Henschel wiederzuerkennen.

„Das Ehrenmal am Auedamm ist ein sehr ambivalenter Ort“, sagt Dr. Gunnar Richter. Der Wissenschaftler und Leiter der Gedenkstätte Breitenau ist mit einer Ton-Dia-Reihe zur Geschichte Breitenaus auf der documenta vertreten. Er hat das Ehrenmal als Teil einer Führung zu den Orten des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus regelmäßig vorgestellt.

Tafel für Verweigerer

Das wirkt zunächst widersprüchlich, ist es aber nicht. Auf halber Höhe der Treppenanlage befindet sich seit 1985 eine Gedenktafel, die an die Menschen erinnert, die sich dem Kriegsdienst verweigert haben und desertiert sind. Um diese Tafel wurde in der Kasseler Stadtverordnetenversammlung erbittert gestritten. Durch die Stimmen von SPD und Grünen - CDU und FDP waren dagegen - gab es eine Mehrheit für die Tafel. Ein weiteres Mahnmal gegen den Krieg ist weiter oben in der „Ruhmeshalle“ die überlebensgroße Skulptur eines gefallenen Soldaten. Die hat in den 1920er-Jahren der Kasseler Kunstprofessor und Leiter der Kunstgewerbeschule Hans Sautter geschaffen.

Den Nazis war diese Skulptur nicht heroisch genug für die wahnhafte Vorstellung vom Endsieg. Sie versteckten die Figur unter einer Bodenplatte. Sautter, der für die SPD als Stadtrat in Kassel aktiv war, wurde von den Nazis politisch verfolgt. Bereits kurz nach der Machtübernahme 1933 bekam er Hausverbot in seiner Schule und wurde mehrmals verhaftet. Nach dem Krieg beteiligte er sich an dem von der Stadt angeregten Wettbewerb für ein Denkmal für die Opfer des Faschismus. Sein Entwurf bekam 1953 den Zuschlag. Der Dornenkranz im Fürstengarten am Weinberg ist Sautters Werk.

Den Krieg überstanden

Die Skulptur des gefallenen Soldaten - sie ist auch als Sautter-Leiche bekannt - hat den Krieg überstanden. Sie liegt nur wenige Meter neben dem Kunst-Trampelpfad über dem Trümmerschutt, der aus Kassels im Krieg zerstörter Innenstadt am Auehang abgeladen wurde. Von Thomas Siemon

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