Fehlendes Personal, mangelnde Ausstattung

Kasseler Professor übt harte Kritik: „Die Kunstuni ist ein maroder Kasten“

Kassel. An der Kunsthochschule regt sich Protest. Die Studierenden beklagen, dass es an qualifiziertem Personal fehle und die Ausstattung in den Werkstätten mangelhaft sei.

Das Fass zum Überlaufen brachte der bevorstehende Ruhestand von Prof. Norbert Radermacher, dessen Professur für Bildende Kunst zunächst unbesetzt bleiben soll. Wir sprachen mit Radermacher über die Situation an der Kunsthochschule Kassel.

Die Studenten beklagen den Mangel an qualifiziertem Personal an der Kunsthochschule. Wie sehen Sie die Lage?

Norbert Radermacher: Die Kunsthochschule ist ein maroder Kasten, wie ein Oldtimer. Der Lack ist ab, aber er läuft noch irgendwie. Die Studierenden haben Enthusiasmus und es wird viel improvisiert. Sie werden zu Festivals eingeladen, erhalten Stipendien und stellen den Rundgang mit viel persönlichem Engagement auf die Beine. Deshalb fällt der Mangel noch nicht so auf. Aber wenn jetzt Professuren nicht mehr besetzt werden, dann ist das so, als würden sie bei dem Oldtimer die Zündkerzen ausbauen. Dann läuft er nicht mehr.

Dazu gab es doch sicher Gespräche mit dem Präsidium.

Radermacher: Wir verhandeln schon länger mit der Unileitung über das Verhältnis von Studierenden und Lehrenden. Wir haben Zugeständnisse gemacht und mehr Studierende aufgenommen. Aktuell sind es etwa 900. Damit sind wir im bundesweiten Vergleich keine kleine Kunsthochschule. Wobei Lehramtsstudenten nur als Drittel-Person gezählt werden, obwohl natürlich ganze Personen in meiner Klasse arbeiten. Im Gegenzug zur Steigerung der Studierendenzahl erwarten wir, dass das Präsidium die nötigen personellen Voraussetzungen schafft. Für meine Professur war zunächst zugesagt worden, die Stelle wieder zu besetzen. Nun hieß es plötzlich, sie bleibt erst mal vakant.

Wie geht es mit Ihren Studenten weiter, wenn Sie in Ruhestand gehen?

Radermacher: Die Studierenden brauchen dringend Persönlichkeiten, die ihnen Anregungen geben, die mit ihnen arbeiten. In meiner Klasse schwankt die Zahl zwischen 25 und 30 jungen Menschen. Sie können den Betreuungsaufwand aber nicht mit der sonstigen Universität vergleichen. Wir haben keinen klassischen Vorlesungsbetrieb, sondern müssen als Professoren und Mitarbeiter viel Zeit in die Entwicklung der Persönlichkeiten stecken.

Welche Gefahren sehen Sie für die Kunsthochschule?

Radermacher: Ich bin seit 26 Jahren an der Kunsthochschule. Seitdem sind die Zuschüsse stetig gesunken. In den 90er-Jahren wurde unter Uni-Präsident Brinkmann die Zahl der Professoren auf 30 reduziert. Wobei durch Vakanzen nie alle Stellen besetzt sind. Besetzungen haben durch oft unberechtigte Einwände der Universität immer extrem lange gedauert, wodurch uns viele interessante Anwärter und Anwärterinnen durch die Lappen gegangen sind. Nun steht der gute Ruf der Kunsthochschule auf dem Spiel, den wir über Jahrzehnte aufgebaut haben und der noch dafür sorgt, dass Menschen aus ganz Deutschland nach Kassel kommen.

Auch an der Ausstattung der Kunsthochschule gab es Kritik.

Radermacher: Die Werkstätten sind schlecht ausgestattet und die Betreuung durch die Werkstattleiter wurde immer weiter zurückgefahren. In der Holzwerkstatt ist seit Langem die Abzugsanlage kaputt. Eine improvisierte Lösung, die es nach über einem Jahr endlich gibt, täuscht nicht darüber hinweg, dass die Universitätsleitung die notwendige Investition scheut. Gleichzeitig wird eine neue Ausstellungshalle gebaut, die wir am allerwenigsten brauchen. Gleiches gilt für das documenta-Institut. Wichtiger wäre es, das Geld in bessere Studienbedingungen zu investieren.

Was erwarten Sie vom Uni-Präsidium?

Radermacher: Ich liebe diese Kunsthochschule und habe mit Anderen viel Energie investiert, damit wir überhaupt wieder als Kunsthochschule in Erscheinung treten. Gleichzeitig deprimiert mich das Gefühl, dass unsere seriöse und fundierte Arbeit vom Präsidium nicht gesehen wird. Die Uni Kassel wirbt zwar mit der Kunsthochschule nach außen hin, aber praktisch fehlt der Rückhalt. Es ist ein Trauerspiel.

Rektor bestätigt schlechten Zustand

KHK-Rektor Joel Baumann bemängelt ebenfalls den schlechten Zustand der Werkstätten. „Die Kunsthochschule Kassel steht in einem bundesweiten Wettbewerb, ist aber personell deutlich schlechter ausgestattet als andere Kunsthochschulen“, sagt Baumann, der mehr Autonomie fordert.

Uni-Präsidium weist die Kritik zurück

Das Uni-Präsidium weißt die Kritik zurück. Alle Werkstätten seien arbeitsfähig. Nur die Holzwerkstatt sei aus technischen Gründen zeitweise geschlossen gewesen. Für zwei Stellen, die derzeit nicht dauerhaft besetzt sind, seien Lehraufträge erteilt worden. Weil der bevorstehende Ruhestand von Prof. Radermacher eine Lücke reißen wird, solle diese bis zu einer Neubesetzung der Stelle durch eine Vertretungsprofessur gefüllt werden. „Die rechnerische Betreuungsrelation liegt an der Gesamtuniversität bei 48 Studierenden je Professur, an der Kunsthochschule liegt sie bei 20 Studierenden je Professur“, teilt die Uni-Sprecherin mit. 

Zudem sei das Budget der Kunsthochschule gestiegen: Von 396.000 Euro (2013) auf 482.000 (2017). Weil gleichzeitig die Studentenzahl von 524 auf 658 stieg, gibt es pro Kopf weniger Geld. Dies sei aber bundesweit so, sagt die Sprecherin.

Zur Person: Norbert Radermacher

Norbert Radermacher (64) arbeitet seit 1992 an der Kunsthochschule Kassel. Er hat dort die Professur für Bildende Kunst inne. Seinerzeit trat der Künstler die Nachfolge von Harry Kramer an. 1987 nahm er an der documenta 8 teil. Radermacher, der in Berlin lebt, ist Mitglied im Stiftungsrat der Hessischen Kulturstiftung.

Von Bastian Ludwig

Seit Jahren soll die Kunsthochschule Kassel saniert werden und eine Ausstellungshalle bekommen - doch nichts passiert. Der marode Bau ist zum Standortnachteil geworden. 

Rubriklistenbild: © Andreas Fischer

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