Gericht spricht drei Männer von Anklage frei, teure Metalle bei VW entwendet zu haben

Kupferklau nicht bewiesen

Kassel. Die Staatsanwältin forderte Gefängnisstrafen. Doch nach vier Verhandlungstagen kämpfte sie auf verlorenem Posten: Im Prozess um groß angelegten Kupferklau bei Volkswagen in Baunatal sprach das Kasseler Amtsgericht am Montag alle drei Angeklagten frei – und schloss sich damit der Sicht der Verteidigung an: Die Taten, befand das Schöffengericht, seien dem Trio nicht nachzuweisen. „Man braucht nicht zehn Gründe, um freizusprechen“, erklärte Richter Leyhe. „Sondern nur einen tragenden.“

Dass zwischen Februar 2010 und Februar 2011 bei VW größere Mengen Buntmetalls, vor allem Kupferabfälle, abhandengekommen sind: Das stehe fest. Und auch dass die Angeklagten in dieser Zeit die einen oder anderen Metallreste an einen Schrotthändler verkauft haben, sei sicher. Mehr aber auch nicht. Weder wie viel Schrott sie versilbert haben, noch woher er stammte.

Laut Anklage ging es um tonnenweise Kupfer und anderes wertvolles Metall. Versteckt unter anderen Abfällen sollte es von dem ältesten und dem jüngsten Angeklagten – einem 53-jährigen damaligen VW-Beschäftigten und einem 39 Jahre alten Müllfahrer – bei insgesamt 20 Gelegenheiten aus dem VW-Werk geschafft und verkauft worden sein. Für stolze 164 000 Euro. Der dritte, 43 Jahre alte Angeklagte sollte ihnen für den Verkauf Ausweiskopien zur Verfügung gestellt haben. Und er sollte auch selbst bei seinem Arbeitgeber, einem Metallunternehmen, mehrere Tonnen Edelstahl und Aluminium gestohlen haben. Beweise für all das gab es jedoch nicht, nur Indizien. Und die waren, wie die Verteidiger in ihren Plädoyers ausbreiteten, mehr als dünn. „Die Anklage“, sagte Rechtsanwalt Rolf Lengemann, „ist ins Blaue hinein erhoben worden.“ Als bei VW der Verlust bemerkt worden war, hatte die Polizei bei den Schrotthändlern in der Region angeklopft – und war auf den Anlieferungsbelegen mehrfach auf die Namen der Angeklagten gestoßen. Daraus entstand der Tatverdacht. Und die Vermutung, wie die Männer wohl vorgegangen sein könnten.

Was die Ermittler nicht störte: An fünf der 20 Tage, an denen der 39-Jährige mit seinem Müll-Lkw Metall aus dem VW-Werk geschmuggelt haben sollte, hatte er nicht gearbeitet. Dafür aber sollte er laut Anlieferungsscheinen mehrfach täglich die exakt gleichen Schrottmengen verkauft haben, aufs Kilo genau. Was weniger für die Schuld des Mannes spricht als für eine fragwürdige Buchführung. „Auf solche Unterlagen“, befand Verteidiger Lengemann, „kann man eine Verurteilung nicht stützen.“ So sah es am Ende auch das Gericht. (jft)

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