Bewährung für Drogendealer

Kurios: Richter musste als Zeuge vor Kasseler Landgericht aussagen

Kassel. Der Richter fand sich an ungewohnter Stelle wieder. Nicht wie sonst auf der Richterbank, sondern auf dem Zeugenstuhl musste Mario Hirdes Platz nahmen.

In einem Drogenprozess vor dem Kasseler Landgericht sollte seine Erinnerung als Ermittlungsrichter ersetzen, was die Hauptbelastungszeugin nicht mehr sagen wollte.

„Macht Spaß“, behauptete der Amtsrichter tapfer. Doch sein Bemühen blieb vergeblich: Der Strafkammer reichte nicht, was ihr Kollege zu berichten wusste – und musste den Angeklagten deshalb am Freitag mit einer elfmonatigen Bewährungsstrafe davon kommen lassen.

Neun Fälle des Heroinhandels waren dem 36 Jahre alten Ex-Kasseler in der Anklage zur Last gelegt worden. Zwischen 2003 und 2012 sollte er in Kassel und Lohfelden mal mit vergleichsweise bescheidenen Mengen gedealt, mal einen Großimport von 2,5 Kilogramm reinen Stoffs angebahnt haben.

Nach sechs Verhandlungstagen aber hielt das Landgericht nur zwei Taten für nachweisbar. Es waren die am wenigsten schwer wiegenden: Ganze 50 Gramm Heroin hatten dabei den Besitzer gewechselt. Das Verfahren gegen den 36-Jährigen war die Folge von Ermittlungen gegen ein dealendes Ehepaar, das Anfang 2011 aufgeflogen war. Die Frau hatte damals schonungslos ausgepackt, um den eigenen Hals zu retten. Nicht nur ihren Gatten beschuldigte sie und trug ihm so eine Gefängnisstrafe von fast vier Jahren ein. Sie belastete auch den jetzigen Angeklagten, ihren Schwager. Als Lohn wurde sie lediglich zu einer Bewährungsstrafe verurteilt.

Ihr Entgegenkommen für die Justiz hatte danach offenbar ein Ende: Im Prozess gegen ihren Schwager berief sie sich nun auf ihr Aussageverweigerungsrecht als Angehörige. Und das bedeutete: Nichts von dem, was sie bislang gegen den Mann ausgesagt hatte, durfte noch verwendet werden. Einzige Ausnahme: die Vernehmung durch den Ermittlungsrichter. Aber auch das nur so weit, wie sich Richter Hirdes an die Aussagen der Frau noch erinnern konnte.

Oberstaatsanwalt Frank Lohr hätte das für eine Verurteilung ausgereicht: Er forderte vier Jahre und neun Monate Gefängnis für den Angeklagten. Die Strafkammer aber sah es wie Verteidiger Werner Momberg und erklärte die Erinnerungen des Richterkollegen für zu bruchstückhaft. Und wie glaubwürdig die vormalige Belastungszeugin sei, lasse sich daraus schon mal sowieso nicht ableiten, erklärte Strafkammervorsitzender Jürgen Stanoschek.Blieb noch ein letzter Vorwurf: der des in die Wege geleiteten, aber letztlich gescheiterten 2,5 Kilo-Deals. Hier war die mäßig detaillierte Aussage eines stadt- und justizbekannten Drogenhändlers der einzige Beweis. Nicht genug, meinte Stanoschek. „Das ist eine Geschichte, die sich jeder ausdenken kann.“ (jft)

Rubriklistenbild: © dpa

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