Pilotprojekt von Stadt und Caritas

Kurs für Flüchtlinge: Alltagshilfe in der Fremde

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Wissbegierig: Die eritreischen Flüchtlinge Semere Adhanom (von links), Hagos Berhe und Estiphanos Welldeslasies gehören zu den 30 Teilnehmern des Pilotprojekts „Ankommen in Deutschland“. Lehrerin Elena Sergeeva vermittelt ihnen nicht nur die Sprache, sondern auch Alltagskenntnisse.

Kassel. Der Flüchtling Semere Adhanom konnte vor zwei Monaten kaum ein Wort Deutsch. Selbst beim Einkaufen hatte der Mann aus Eritrea Schwierigkeiten, sich zu verständigen.

„Jetzt kann ich fast alles verstehen“, sagt der 27-Jährige. Auch seinen Traum kann er inzwischen - nahezu fehlerfrei - auf Deutsch in Worte fassen: „Ich möchte Ausbildung als Mechaniker machen.“

Der junge Mann ist einer von 30 Teilnehmern des Pilotprojekts „Ankommen in Deutschland“, das die Stadt Kassel und die Caritas auf die Beine gestellt haben. Dahinter verbirgt sich ein Sprach- und Orientierungskurs, in dem die Asylbewerber nicht nur die deutsche Sprache, sondern auch nützliche Alltagskenntnisse vermittelt bekommen. Angefangen von den Verkehrsregeln über Mülltrennung bis zur Wohnungssuche und den Formalitäten einer Bewerbung. Auch wie das Gesundheits- und das Schulsystem in Deutschland funktionieren, lernen die Teilnehmer. Sie stammen aus Eritrea, Somalia, Äthiopien, Iran, Irak, Afghanistan und Syrien.

Wer aus einem völlig anderen Kulturkreis komme, für den bedeute anfangs nicht nur die Sprache eine Barriere, sagte Sozialdezernent Dr. Jürgen Barthel. Auch die deutsche Gesellschaft und ihre Spielregeln seien den Asylbewerbern zunächst fremd. „Mit dem Kurs wollen wir ihnen eine Art Fahrplan für den Alltag geben“, sagte Barthel.

Seit Anfang Oktober und noch bis Weihnachten kommen die Teilnehmer von montags bis freitags für jeweils vier Stunden zum Unterricht, der im Jugendzentrum am Forstbachweg stattfindet, direkt neben der Gemeinschaftsunterkunft in der Steul-Schule. Die 30 Männer und Frauen im Alter von 20 bis 50 Jahren seien hochmotiviert, berichtet Hilla Zavelberg-Simon vom Caritasverband Nordhessen. „Man merkt, dass sie hier Fuß fassen und ein selbstständiges Leben führen wollen.“ Aus den Unterkünften bekomme man schon jetzt die Rückmeldung, dass die Teilnehmer insgesamt selbstsicherer, offener und strukturierter wirkten.

Mit dem Projekt solle ihnen nicht nur das Einleben erleichtern, sondern auch ihre Perspektiven für einen späteren Berufseinstieg verbessert werden, sagte Sozialdezernent Barthel. „Viele von ihnen werden auf Dauer bei uns bleiben, da müssen wir auch dafür sorgen, dass sie hier zurechtkommen.“ Bund und Länder seien in der Verantwortung, solche Integrationsprojekte zu finanzieren.

Bester Beweis für den Sinn des Kurses sind die Teilnehmer, denen ihre Freude am Unterricht anzusehen ist. Eins ist dem Eritreer Semere Admahom noch wichtig: „Ich möchte der Caritas und den deutschen Menschen Danke schön dafür sagen.“

Finanzierung ungewiss

Der erste Kurs „Ankommen in Deutschland“ wurde über Fördergeld aus dem Europäischen Sozialfonds (ESF) finanziert. Die Kosten betrugen nach Angaben der Stadt 25.000 Euro. Ob das Projekt erneut gefördert werden kann, ist ungewiss. Aus dem städtischen Haushalt kann es laut Stadtkämmerer Barthel nicht finanziert werden. Die Caritas erwägt, einen weiteren Kurs notfalls aus eigenen Mitteln zu bezahlen.

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