Ulrich Kutschera doziert auch vor Gericht

Vorwurf der Volksverhetzung: Prozess gegen Kasseler Uniprofessor wird in zweiter Instanz fortgesetzt

Mit Literatur ausgerüstet: Prof. Dr. Ulrich Kutschera hatte Bücher vor Gericht mitgebracht, die seine Thesen stützen sollen.
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Mit Literatur ausgerüstet: Prof. Dr. Ulrich Kutschera hatte Bücher vor Gericht mitgebracht, die seine Thesen stützen sollen.

Am Kasseler Landgericht wird seit dieser Woche der Prozess gegen den Kasseler Uniprofessor Ulrich Kutschera wegen Volksverhetzung fortgesetzt. Ein bisschen erinnerte die Verhandlung an eine Uni-Vorlesung.

Im Saal D130 des Kasseler Landgerichts ging es am Donnerstag mitunter zu wie in einem Hörsaal. Der Kasseler Biologieprofessor Dr. Ulrich Kutschera führte dort zum Auftakt der Verhandlung fast eine Stunde lang – und immer wieder mit erhobenem Zeigefinger – aus, wie das Interview zu verstehen sei, das er 2017 dem Internetportal „kath.net“ gegeben hatte. Auf der Anklagebank hatte der 66-Jährige eine Sammlung von Fachbüchern von Charles Darwin bis zu eigenen Publikationen aufgebaut, in denen er seine Äußerungen untermauert sieht.

Aus Anlass der seinerzeit vom Bundestag beschlossenen Ehe für gleichgeschlechtliche Paare hatte der Wissenschaftler in dem Interview unter anderem gesagt: „Sollte das Adoptionsrecht für Mann-Mann- beziehungsweise Frau-Frau-Erotikvereinigungen kommen, sehe ich staatlich geförderte Pädophilie und schwersten Kindesmissbrauch auf uns zukommen.“ In erster Instanz war Kutschera wegen Beleidigung zu einer Geldstrafe in Höhe von 6000 Euro verurteilt worden. Sowohl der Angeklagte als auch die Staatsanwaltschaft hatten dagegen Berufung eingelegt.

Nun geht es also erneut um die Frage, ob Kutscheras Aussagen im Interview den Straftatbestand der Volksverhetzung in Tateinheit mit Beleidigung und Verleumdung erfüllen. Die Staatsanwaltschaft sieht die Äußerungen des Biologieprofessors, in denen er Homosexuelle als Pädophile und Kinderschänder bezeichnet habe, nach wie vor dazu geeignet, „den öffentlichen Frieden zu stören“, wie Dr. Enrico Weigelt klarstellte. Dem Vorschlag des Vorsitzenden Richters Reichhardt der 7. Kleinen Strafkammer, das Verfahren gegen Zahlung von 6000 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung einzustellen, stimmte der Staatsanwalt nicht zu.

Die folgende Verhandlung, die von 9 Uhr bis in den späten Nachmittag dauerte, hatte mitunter Züge eines erbittert geführten Wissenschaftsstreits. So führten Kutschera und sein Verteidiger Markus Sittig, der sich offensichtlich tief in das Thema eingearbeitet hatte, eine Vielzahl von Texten, Studien und Publikationen an, um nachzuweisen, dass alle Äußerungen durch Fakten gedeckt seien. „Ich habe von A bis Z die Wahrheit gesagt. Ich kann alles begründen“, betonte Kutschera. Gleichwohl räumte er – wie schon in erster Instanz – ein, dass seine Aussagen in dem Interview „überspitzt formuliert“ gewesen seien.

Der Vorsitzende Richter stellte mehrfach klar, dass es darum gehe, einen juristischen und keinen wissenschaftlichen Sachverhalt zu klären. Gegenstand der Vorwürfe sei nicht die wissenschaftliche Arbeitsweise des Angeklagten. „Wir sollten uns auf das beschränken, worum es geht, und das ist das Interview“, so Reichhardt. Um selbst zu verstehen, worum es darin geht, verlas er vor Gericht gleichwohl einen Wikipedia-Artikel über den Sexualforscher John Money, auf den und dessen Geschlechtsumwandlung an einem zweijährigen Kind sich Kutschera in dem Interview mehrfach ablehnend bezieht.

Ihm gehe es als Wissenschaftler und fünffacher Vater um den Schutz von Kindern, betonte Kutschera. Mit dem Vorwurf, er sei ein „Homo-Hasser“, sei er selbst Opfer von Beleidigung, sagte er mit Verweis auf die Schlagzeile einer Boulevard-Zeitung.

Dass sich Homosexuelle durch das Interview zutiefst verletzt fühlen, machte ein 52-jähriger Mann aus Berlin deutlich, der danach Anzeige erstattet hatte. Menschen wie er würden darin als potenzielle Kinderschänder und Sozialschädlinge dargestellt. Selten habe er so ein Ausmaß „an Hass, an Verleumdung, an Hetze“ erlebt, sagte der Mann, der doppelt promovierter Arzt und Psychotherapeut ist. Die Ausdrucksweise sei in keinster Weise akzeptabel. „Das ist die Sprache, die Ausgangspunkt wird für gewalttätige Übergriffe.“

Der Prozess wird am 16. Februar fortgesetzt. Da soll auch ein Urteil fallen. (Katja Rudolph)

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