Protest gegen neue Mitnahmeverordnung

Ärger über KVG und NVV: „Behinderte Menschen werden wie Gepäckstücke behandelt“

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Symbolbild

Kassel. Veränderte Sicherheitsrichtlinien bei KVG und NVV haben bei Menschen mit Gehbehinderung Ärger ausgelöst. 

Am 5. Mai, dem „Europäischen Protesttag der behinderten Menschen“, wollen sich Rollstuhlfahrer, Gehbehinderte, die auf Elektro-Scooter angewiesen sind, die Initiative Nahverkehr für alle sowie andere ab 12 Uhr zu einer Kundgebung vor dem Rathaus treffen. Unter dem Motto „Wir wollen rein – ins Leben“ möchten sie ihren Protest gegen die sogenannte Mitnahmeverordnung von KVG und NVV sowie deren veränderte Sicherheitsrichtlinien zum Ausdruck bringen.

Rolli-Fahrer fühlen sich von der neuen Mitnahmeverordnung diskriminiert und stark benachteiligt. Wir unterhielten uns mit Peter Rauhöft, der für den Verein zur Förderung der Autonomie Behinderte (fab) für die Veranstaltung vor Ort verantwortlich ist.

Peter Rauhöft, E-Scooterfahrer

Was ist der Anlass für die Kundgebung?

Peter Rauhöft: Es geht um die neue Mitnahmeverordnung von KVG und NVV. Danach darf in Trams und Bussen an einem ausgewiesenen Platz nur noch ein einziger Elektro-Rollstuhl mitgenommen werden. E-Rollis und Scooter müssen sich rückwärts gegen die Fahrtrichtung stellen. Die Fahrer sind entsprechend geschult, darauf zu achten und wenden die Verordnung auch schon fleißig an. Offiziell verkündet wurde bislang nichts. In und um Kassel wächst die Kritik daran.

Was steckt denn hinter der Verordnung?

Rauhöft: Es heißt, ein Rollstuhl kann bei einer Bremsung zum Geschoss werden. Aber: Alles kann im schlimmsten Fall zum Geschoss werden: Kinderwagen, Gepäck, Rollatoren, Fahrräder und Fahrgäste überhaupt. Was mich am meisten ärgert ist, dass behinderte Menschen wie Gepäckstücke behandelt werden und nicht wie zahlende Fahrgäste. Jeder andere kann sich in der Tram hinsetzen oder hinstellen, wo er will, auch wenn sie voll ist.

Wie wahrscheinlich ist denn der Fall? Ist denn schon mal ein Unfall passiert?

Rauhöft: Mir und keinem, den ich kenne, ist ein solcher Fall bekannt. Es heißt, in Hamburg soll mal ein Scooter umgekippt sein. Das soll eine bundesweite Diskussion ausgelöst haben. Nähere Infos darüber sind aber nicht bekannt.

Was fordern Sie?:

Rauhöft: Das ist ganz einfach: Wir wollen einfach nur mitgenommen und nicht am Straßenrand stehengelassen werden. Und wir sind viele. Wissen Sie, was es für einen Menschen im Rollstuhl bedeutet, wenn er – was in letzter Zeit schon häufig vorgekommen ist – über eine Stunde auf eine Tram warten muss? Wenn er sich – entschuldigen Sie das drastische Bild – deshalb in die Hose machen muss? Das ist unwürdig. Und das ist eine starke Einschränkung der persönlichen Freiheit. Von der viel beschworenen Inklusion sind wir ganz weit weg. Das Ganze ist für behinderte Menschen ein Rückschritt ohnegleichen.

Haben Sie Hoffnung, dass sich da etwas ändert?

Rauhöft: Ja, ich erhoffe mir, dass KVG und NVV – vielleicht wachgerüttelt durch unseren Protest – die Vereinbarung überarbeiten. Umso mehr, als ja im Vorfeld kein einziger Behindertenvertreter oder -verband einbezogen worden war. Dieser Rückschritt für Behinderte muss revidiert werden und wir müssen bei den Entscheidungen mitreden.

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