Kontrolleure: Auch notierte Vergehen werden nicht verfolgt

Schwarzfahren von Flüchtlingen bleibt ohne Konsequenzen

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Flüchtlinge sollen über Öffentlichen Nahverkehr informiert werden: Die KVG will entsprechende Flyer in vier Sprachen ab übernächster Woche verteilen.

Kassel. Die KVG will in den Erstaufnahmeeinrichtungen Flyer verteilen, auf denen die Flüchtlinge mit Basisinformationen über den Öffentlichen Nahverkehr aufgeklärt werden sollen.

Nach Angaben von Heidi Hamdad, Sprecherin der Kasseler Verkehrsgesellschaft (KVG), sollen die Handzettel in englischer und arabischer Sprache, auf Farsi und Urdu erscheinen. Verteilt werden die Zettel ab der übernächsten Woche.

Missverständnisse

Damit sollten Informationsdefizite beseitigt sowie Missverständnisse in Bussen und Bahnen vermieden werden. Die Information sei ein Stück Integration, schließlich sei die Mobilität für die Flüchtlinge wichtig, so Hamdad.

In den vergangenen Wochen ist es nach Informationen der HNA wiederholt zu Zwischenfällen in den Trams in Kassel bekommen. Kontrolleuere berichteten gegenüber unserer Zeitung, dass nach ihrer Einschätzung zwei Drittel der Flüchtlinge ohne Fahrschein unterwegs seien. Das Schwarzfahren habe aber keine Konsequenzen. „Es wird nicht verfolgt, ob wir aufschreiben oder nicht.“

Info

Eine offizielle Stellungnahme der KVG lesen Sie am Ende des Artikels

Die Mitarbeiter der KVG erzählen, dass es in dem Verkehrsunternehmen kürzlich eine Information über den Umgang mit Flüchtlingen ohne Fahrschein gegeben habe. Demnach seien sie angewiesen worden, den Menschen zunächst zu erklären, wie die Fahrkartenautomaten funktionieren. Wenn diese Unterweisung nicht zum Erfolg führe, dann sollten sie die Flüchtlinge einfach aus dem Fahrzeug schicken.

In der täglichen Praxis gestalte sich dieser Umgang aber als sehr schwierig. Einige Flüchtlinge seien sehr dankbar, wenn man ihnen zeige, wie sie sich eine Fahrkarte kaufen können, berichten die Kontrolleure. Andere seien aber nicht dazu bereit. Vor allem Männer wollten sich von Kontrolleurinnen nichts sagen lassen.

Zwischen den Stühlen

Wenn die Flüchtlinge erwischt werden, müssen sie die Bahn verlassen. Sie würden aber nicht aufgeschrieben und müssten nicht 60 Euro Bußgeld zahlen. Darauf würden andere Fahrgäste verständnislos reagieren. „Wir haben viele Stammgäste mit kleinen Renten, die sich auch Fahrkarten kaufen müssen.“ Die Kontrolleure beobachteten, dass die Stimmung langsam kippe.

Andere Fahrgäste würden die Kontrolleure wiederum als Unmenschen bezeichnen, wenn sie die Flüchtlinge ohne Ticket aus der Bahn verwiesen. „Das ist eine sehr schwierige Situation für uns.“

KVG-Sprecherin Hamdad weist zurück, dass es solch eine Anweisung für Fahrausweisprüfer gegeben habe. Nur für das Fahrpersonal, sagt Hamdad. Und aus diesen internen Anweisungen werde man keine Einzelheiten an die Öffentlichkeit geben. Sie stellt aber klar, dass alle Fahrgäste gleich behandelt würden, natürlich lasse man in Ausnahmefällen auch Kulanz walten.

Hamdad weist auf die großen Verständigungssschwierigkeiten hin. „Da haben wir auf beiden Seiten Probleme. Die wenigsten Flüchtlinge und Kontrolleure sprächen Englisch. Ein Schritt zur besseren Verständigung sollen nun die Flyer sein.

Hinweis: Unter diesem Artikel werden nur Kommentare freigeschaltet, die sich ausschließlich mit dem im Text behandelten Aspekt des Flüchtlingsthemas auseinandersetzen.

Offizielle Stellungnahme der KVG

Angesichts der hier auf HNA Online hoch emotional geführten Debatte nimmt die KVG Stellung zum Thema Fahrscheinkontrollen bei Flüchtlingen.

Zunächst ist festzuhalten: Es gibt keine "Lex Flüchtlinge". Es besteht in jeder Hinsicht der Grundsatz der Gleichbehandlung. Demnach gilt: Jeder, der mit Bus oder Bahn fährt, benötigt einen gültigen Fahrschein. Grundlage sind die NVV-Tarifbestimmungen. Bei Kontrollen in den KVG-Fahrzeugen wurden bereits Bescheide über Erhöhtes Beförderungsentgelt (EBE) auch gegen Flüchtlinge erteilt. Demnach existiert keine Anweisung an das KVG-Prüfpersonal, dies bei Flüchtlingen zu unterlassen.

Heidi Hamdad, Pressesprecherin der KVG AG

Selbstverständlich ist aber auch, dass die Fahrausweisprüfer vereinzelt Kulanz walten lassen, auch dies ist seit Jahren Praxis. Hier gilt ebenfalls der Gleichbehandlungsgrundsatz. Demnach gibt es auch in dieser Hinsicht keinen Unterschied je nach Ethnie oder sozialem Status.

In der Praxis gilt dies bspw. für Fahrgäste, die die deutsche Sprache nicht oder kaum sprechen, auch kaum Englisch und wenn, mit sehr starkem Akzent, und denen unser komplexes ÖPNV-System, und hier vor allem die vielen Ticketarten, unbekannt ist. Dabei handelt es sich nicht nur um Flüchtlinge oder ausländische Touristen. Es gibt auch deutsche Mitbürger mit Sprachproblemen. Die KVG erwartet von ihren Mitarbeitern, dass sie auch in solchen Situationen ausreichend sensibel handeln. In der Konsequenz begleiten die Mitarbeiter im Prüfdienst diese Fahrgäste dann, wenn möglich, zum Ticketautomaten. Wer sich weigert, einen Fahrschein zu erwerben wird aufgefordert, das Fahrzeug zu verlassen. Dabei handelt es sich nicht um die Regel, sondern um vereinzelte Ausnahmen.

Wer auf Sanktionen immer und unter allen Umständen pocht, sollte sich fragen: Wie wollen Sie jemand, der Sie nicht versteht erklären, welches Ticket für welche Strecke erforderlich ist, was es mit dem Erhöhten Beförderungsentgelt (EBE) auf sich hat und wie er, wenn es erteilt wurde, anschließend damit umgehen muss? Unter den KVG-Fahrausweisprüfern sprechen nicht alle Englisch und noch viel weniger Arabisch, Farsi, Urdu oder eine andere "Nicht-Weltsprache". Wer von Ihnen ist im außereuropäischen Ausland mit kaum vorhandener oder ohne Kenntnis der Landessprache und unbegleitet von einem Einheimischen schon mit dem ÖPNV gefahren? Gab es Automaten, haben Sie hier alles verstanden? Oder war immer ein Schaffner im Fahrzeug, bei dem Sie Ihr Ticket kaufen konnten? Sind Sie in jedem Fall, wenn Sie kein Ticket hatten, mit einer Geldstrafe sanktioniert worden?

Wie in dem HNA-Artikel erwähnt, plant die KVG einen Flyer für Flüchtlinge mit Basisinformationen über das hiesige ÖPNV-System zu veröffentlichen in der Hoffnung und Annahme, den Flüchtlingen mehr Sicherheit bei der Nutzung von Bussen und Bahnen bieten zu können.

Heidi Hamdad, Pressesprecherin der KVG AG

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