Pfleger auf vier Pfoten

Labrador Bruno hilft im Altenheim, indem er Bewohner ableckt

Kassel. Brunos Zunge ist feucht, warm und rau. Sie ist das einzige, das die schwer demenzkranke Sigrid an diesem Morgen zu erreichen scheint. Die Frau im Pflegebett lacht, weil die Zunge des Labradors sie auf dem Arm kitzelt.

Der fünfjährige Rüde wird von der Ergotherapeutin Tina Glade (31) im Kasseler Altenheim Residenz Ambiente eingesetzt, um die Bewohner zu mobilisieren, Schmerzen zu lindern, Krämpfe zu lösen oder einfach nur zum Lachen zu bringen.

Das kitzelt: Ergotherapeutin Tina Glade (rechts) lässt ihren Hund die Arme der demenzkranken Bewohnerin Sigrid ablecken. Die 68-Jährige bekommt Gänsehaut. Damit der Hund tut, was er soll, werden die Arme mit Leberwurst beschmiert.

Damit der Labrador tut, was er tun soll, muss die Ergotherapeutin etwas nachhelfen: So streicht sie Sigrid Leberwurst auf den Unterarm, damit der Hund diesen ableckt. Der tierische Besuch scheint der 68-Jährigen zu gefallen, bei der die Demenz das Endstadium erreicht hat. Ihre verkrampften Finger lösen sich, sie bekommt Gänsehaut. „Durch das Lecken wird zudem die Durchblutung angeregt“, sagt Glade. Jede Woche sitzt Bruno am Bettgitter der Bewohnerin.

Auf dem Flur des Altenheims wird Bruno schon erwartet. Eine Frau im Rollstuhl ruft: „Da ist ja mein Schätzchen“, als sie den Rüden bellen hört. Wenige Sekunden später hat der 30-Kilo-Hund seine Pfoten auf den Schoß von Waltraud Möller gelegt. Die 87-Jährige, die selbst 15 Jahre lang einen Polarspitz hatte, weiß, wie sie Brunos Zuwendung bekommt. Sie hat Leckerlis gekauft, die sie in einer Tasche verwahrt und nacheinander verfüttert.

Die Kasselerin, die seit neun Jahren in dem Heim im Wesertor lebt, hat sich gefreut, als die Therapeutin Glade die Arbeit mit ihrem Hund dort begann. Seit viereinhalb Jahren ist Glade mit dem Tier in verschiedenen Behinderten- und Pflegeheimen im Einsatz – seit wenigen Monaten fest angestellt in der Residenz Ambiente. Sie sei dankbar, dass ihr Chef offen für neue Therapieformen sei.

Aufgaben für Bruno

In einem Gruppenraum sitzen acht Bewohner im Kreis. Sie warten auf Bruno. Als der Labrador schwanzwedelnd hereinstürmt, verstummen die Gespräche über Gebrechen. Sie treten in den Hintergrund, weil ein agiler Hund die ganze Aufmerksamkeit fordert. Hilde Wurst nimmt das Tier sofort in Beschlag. „Nu komm schon Bruno“, lockt ihn die Seniorin und tätschelt dem Hund den Kopf. Doch Bruno soll erst arbeiten, bevor es Streicheleinheiten gibt.

Gute Freunde: Waltraud Möller nennt den Therapiehund Bruno nur „Schätzchen“.

Nacheinander dürfen sich die Bewohner Aufgaben für Bruno ausdenken. Wurst versteckt unter ihren Beinen eine Tasche mit Leckerlis, die Bruno nach kurzer Zeit erschnüffelt hat. Andere lassen sich die Pfote geben oder sich die Handflächen ablecken. Bruno gehorcht aufs Wort.

Für die blinde Bewohnerin Else Meyer (Name geändert) ist die Begegnung mit dem Therapiehund immer eine ganz besondere. „Bruno, mein Bruno“, sagt sie als sie das Fell des Labradors ertastet. „Er fühlt, dass ich es bin, er riecht mich“, sagt die blinde Frau und greift ganz fest in das Fell des Rüden.

Von Bastian Ludwig

Rubriklistenbild: © HNA / Ludwig

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