Lärm oder normales Spiel?

Anwohner streiten über Krach von Kindern

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Ort des Anstoßes: Milos, Danilo, Mihajlo und Gabrijel (in der Schaukel) spielen auf dem Spielplatz in der Niederzwehrener Wohnsiedlung. Einigen der benachbarten Mieter sind sie dabei zu laut. Ihre Eltern halten die Spiellautstärke für völlig normal.

Kassel. Auf den ersten Blick wirkt das Leben in der Niederzwehrener Wohnsiedlung des Kasseler Bauvereins harmonisch. Doch das Idyll zwischen den Häuserzeilen an der Berneburgstraße und der Straße An der Kurhessenhalle ist getrübt.

Zwischen den Nachbarn gibt es Streit um Kinderlärm. Die Situation ist so eskaliert, dass der Bauverein selbst von einem Brennpunkt spricht.

In der Auseinandersetzung haben sich zwei unversöhnliche Gruppen gebildet. Die eine, die sich in ihrer Ruhe gestört fühlt, und eine weitere, die sich gegen aus ihrer Sicht ungerechtfertigte Beschwerden über ihre Kinder wehrt. Nachdem es mehrfach zu gegenseitigen Beschimpfungen kam, hatte der Bauverein nun zu einem Treffen der Mieter eingeladen – die in der Kritik stehenden Familien waren dazu nicht eingeladen.

Ihre Erfahrung?

Fühlen Sie sich durch Kinderlärm gestört oder haben Sie Kinder und deshalb Ärger mit den Nachbarn? Dann schreiben Sie uns: Entweder per E-Mail an

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Draußen ist es heiß und in dem Gemeinschaftsraum auf dem Siedlungsgelände ist auch die Stimmung der 20 anwesenden Mieter aufgeheizt. Uwe Hansen vom Vorstand des Bauvereins begrüßt zum „unangenehmen Anlass“. Vor ihm liegt ein dicker Ordner. Über 30 Beschwerden und auch Androhungen von Mietminderungen lägen ihm vor.

Reihum schütten die Anwohner ihr Herz aus. Im Fokus ihrer Kritik stehen drei Familien mit osteuropäischen Wurzeln. Deren Kinder würden auf dem Spielplatz herumschreien, mit dem Fußball „gegen Garagentore donnern“ und die Ständer mit den gelben Säcken umschießen. Zudem würden Mütter und Kinder lautstark zwischen Balkon und Innenhof kommunizieren. Deshalb sei es kaum möglich, sich ungestört auf den Balkonen aufzuhalten.

Frage der Erziehung?

Schuld an allem, da sind sich die Anwesenden einig, seien die Eltern, die ihre Kinder nicht richtig erziehen würden. Als eine ältere Frau sich beklagt, dass die Familien vor allem in ihrer Muttersprache kommunizierten, greift Hansen ein: „Wir können niemandem vorschreiben, welche Sprache er zu sprechen hat.“ Keinesfalls solle der falsche Eindruck entstehen, dass in der Wohnsiedlung eine kinder- oder ausländerfeindliche Stimmung herrsche.

In der gedruckten Ausgabe lesen Sie außerdem:

Mieterbund: „Gerichte urteilen kinderfreundlich“

„Wir kriegen keine Friedhofsruhe hier, aber der Lärmpegel ist offenbar über das normale Maß hinaus angestiegen“, sagt Hansen. In Einzelgesprächen hatte der Bauverein mit den betroffenen Familien gesprochen. Bevor die Familien abgemahnt und in letzter Konsequenz gekündigt würden, sollten alle anderen Möglichkeiten ausgelotet werden. Um sich für ein juristisches Verfahren zu rüsten, hat Hansen die Mieter aufgefordert, Lärmprotokolle anzufertigen.

Die drei kritisierten Familien fühlen sich zu Unrecht „als asozial beschuldigt“. Einige Mieter hätten offensichtlich etwas gegen Menschen mit ausländischen Wurzeln. Sie sind enttäuscht, dass sie nicht zu dem Mietertreffen eingeladen wurden, und verärgert, dass andere Mieter ihre Kinder beschimpfen würden.

Von Bastian Ludwig

Das sagen die Eltern:

„Die tun so, als seien wir asozial“

Für die Eltern, die in der Nachbarschaft in die Kritik geraten sind, sind die Vorwürfe nicht nachvollziehbar:

• Sie sei selbst in der Siedlung aufgewachsen, sagt Marjana Stevanovic, eine der Mütter. Seitdem habe sich der Spielplatz auf dem Gelände gewandelt. „Es wurden immer mehr Spielgeräte abgebaut und Büsche gepflanzt, damit die Kinder nicht mehr spielen können“, sagt Stevanovic. Es sei löblich, dass der Bauverein jährlich eine Fahrt für die Kinder seiner Mieter anbiete und auch für ihre Kinder für ein paar Monate die Mitgliedschaft in einem Fußballverein übernehmen wolle. Viel mehr wünsche sie sich aber, dass die anderen Mieter mehr Toleranz zeigten.

• Aleksandar Pavlovic ärgert es, dass seine Kinder oft von anderen Anwohnern beschimpft würden, wenn diese sich gestört fühlten. „Die sagen, wir hätten unsere Kinder nicht erzogen, und tun so, als seien wir asozial. Aber ehrlich gesagt, fallen in meinem Haus nicht solche Schimpfworte, wie manche aus der Nachbarschaft sie zu meinen Kindern sagen“, sagt der Vater, der mit seiner Familie seit 2006 in der Siedlung lebt. Was ihn stört, ist, dass der Bauverein zu einem Treffen zum Kinderlärm eingeladen hat und die beschuldigten Familien nicht eingeladen wurden. (bal)

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