Laien-Reanimation

Feuerwehr hilft Kasselerin per Telefon, ihrem Mann das Leben zu retten

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Lebensretter: Mit der Hilfe von Benjamin Frede (links) von der Kasseler Feuerwehr hielt Marion K. ihren Mann Karl am Leben. Hier treffen sich die Drei an Fredes Arbeitsplatz. 

Kassel. Den 14. Mai dieses Jahres werden Marion K. und ihr Mann Karl aus Kassel nie vergessen.

Es ist Sonntag, viertel vor 7 am Morgen, Muttertag. Die dreifache Mutter hofft auf einen gedeckten Frühstückstisch. Was sie in diesem Moment noch nicht weiß: In den nächsten Minuten wird sie ihrem Mann das Leben retten.

Karl liegt noch neben ihr im Bett, hat ihr den Rücken zugewandt. Plötzlich hört Marion schwere, laute Atemgeräusche. „Das klang bedrohlich“, erinnert sie sich. Marion beugt sich über ihren Mann, versucht ihn wachzurütteln. Der Kopf des 47-Jährigen ist ins Kissen gedrückt, sein Körper verkrampft. Er atmet lauter, beginnt zu röcheln. Marion dreht ihren Mann um, seine Augen sind geschlossen. „Er konnte mich nicht hören. Er war schon weggetreten.“

In dem Moment kommt Marions und Karls Tochter ins Schlafzimmer. Marion schickt sie das Telefon holen, wählt die 112 – dann hört sie Karl nicht mehr atmen. „Auf einmal war komplette Ruhe. Stillstand.“

In der Leitstelle der Feuerwehr Kassel klingelt das Telefon von Benjamin Frede. Schnell verschafft er sich ein Bild von der Situation. Knapp 40 Mal hat Frede schon per Telefon bei einer Reanimation durch Laien assistiert. „Es wird auf erschreckende Weise normal“.

Frede weist Marion an, ihren Mann flach auf den Boden zu legen. Als Nächstes soll sie die Streckfunktion überprüfen, den Kopf an Stirn und Kinn vorsichtig nach hinten beugen. Dann entfährt Karl ein tiefes Atemgeräusch. „Auf einmal kam alles raus“, sagt Marion. „Da hatte ich Hoffnung.“

Doch was Marion für ein befreiendes Aufatmen hält, erkennt Frede als Schnappatmung, die häufig dem Atemstillstand vorausgeht. Frede erklärt Marion, dass sie die Kinder aus dem Zimmer schicken soll, da sie nun mit der Herzdruckmassage beginnen müsse.

Mit einer Frequenz von 100 Stößen pro Minute drückt Marion das Brustbein ihres Mannes fünf Zentimeter tief nach unten. „Ich sollte laut bis zehn zählen, ich glaube, ich habe geschrien.“ Neuneinhalb Minuten hält Marion ihren Mann am Leben. Frede bleibt die ganze Zeit bei ihr. Dann übernimmt der Rettungsdienst.

Als Karl stabil genug ist, wird er ins Krankenhaus gebracht. Dort versetzen ihn die Ärzte in ein künstliches Koma. „Keiner konnte mir sagen, ob und wenn ja, wie er wieder wach wird“, erinnert sich Marion. Fünf lange Tage dauert die Ungewissheit. Dann wacht Karl wieder auf.

Heute geht es ihm den Umständen entsprechend gut. Er trägt einen Herzschrittmacher. Noch sei er nicht wieder bei 100 Prozent, doch seit zwei Wochen sei er in der Wiedereingliederung an seinem Arbeitsplatz. Bleibende Schäden hat der Vorfall nicht hinterlassen. „Wir wollen darauf aufmerksam machen, wie lebenswichtig dieses Thema ist“, sagt Marion. „Es waren nur so wenige Schritte, um einem Menschen das Leben zu schenken.“

2016 hatten 738 Menschen in Kassel und im Landkreis einen Herz-Kreislauf-Stillstand. Ein Drittel aller durch Laien Reanimierten konnte mit stabilem Kreislauf ins Krankenhaus gebracht werden.

Als München Baby Guido rettete

Auch der Fall des damals erst zwei Monate alten Guido Aziadekey aus Kassel hatte im Juni für Schlagzeilen gesorgt. 

Das Baby hatte sich beim Trinken an Milch verschluckt und aufgehört zu atmen. Die aus Togo stammende Mutter griff zum Telefon. Doch es war nicht die Kasseler Feuerwehr, die ihr half, Guido das Leben zu retten, sondern die aus München. In ihrer Not hatte sich Akokoe Aziadekey, die erst ein Jahr zuvor zu ihrem Mann nach Deutschland gekommen war und kein Deutsch sprach, an ihre in der bayerischen Hauptstadt lebende Schwester gewandt. Diese alarmierte die Münchner Feuerwehr – die den kleinen Jungen rettete. Über den Festnetzanschluss sprach Leitstellendisponent Michael Waldhans mit der Schwester in München und fordert die Mutter in Kassel auf, ihr Handy auf laut zu stellen. Schwester Kayissan übersetzte hin und her. Akokoe Aziadekey folgte den Anweisungen aus München: Sie legte ihr regloses Baby bäuchlings auf ihren Unterarm, stützte das Köpfchen mit der Hand und klopfte dann vorsichtig zwischen die Schulterblätter ihres Sohns. Es folgte ein Happy End: Guido fing an zu schreien und ist heute gesund und munter.

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