Landespolizeipfarrer Kurt Grützner geht in den Ruhestand

Ihm vertrauen die Polizisten

Kurt Grützner, Landespolizeipfarrer
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Kurt Grützner, Landespolizeipfarrer

Der Landespoilzeipfarrer Kurt Grützner geht heute in den Ruhestand.

Kassel - Für Kurt Grützner schließt sich der Kreis. Als er 1987 Polizeipfarrer wurde, betreute er Beamte, die bei den Demonstrationen zur Startbahn West eingesetzt waren. Damals habe er in viele „versteinerte Gesichter“ von Polizeibeamten gesehen. Sie fühlten sich allein gelassen und warfen ihm vor, dass die Kirche auf Seite der Startbahngegner stehe. „Diese Spannung mussten wir aushalten“, sagt Grützner.

Am Ende seiner beruflichen Laufbahn ist er mit einer ähnlichen Situation konfrontiert. Er hat kürzlich die Polizisten besucht, die den Gegnern des A 49-Ausbaus gegenüberstehen. „Das ist keine leichte Aufgabe“, sagt der 65-jährige Landespolizeipfarrer, der heute seinen letzten Arbeitstag hat.

Dass ihm vor mehr als 30 Jahren die Stelle als Polizeiseelsorger in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck angeboten wurde, hatte wohl auch mit Grützners Vita zu tun. Auch er hat früher mal eine blaue Uniform getragen. Allerdings nicht bei der Polizei, die damals ja noch Grün trug, sondern bei der Bundeswehr. Nach dem Abitur an der Albert-Schweitzer-Schule in Kassel ging Grützner zur Marine und machte seine Ausbildung auf dem Segelschulschiff Gorch Fock. „Damit gebe ich heute noch gern an“, sagt er augenzwinkernd.

An der Bundeswehrhochschule in Hamburg studierte er Elektrotechnik. Während des Studiums merkte er allerdings, dass die Bundeswehr doch nicht das Richtige für ihn ist. „Zur See fahren war toll. Ich wurde jedoch ausgebildet, um andere Menschen zu töten.“ In diese Situation wollte er nicht kommen. Deshalb stellte er einen Antrag, die Bundeswehr verlassen zu dürfen. Er wurde als Leutnant zur See entlassen. Anschließend studierte er Theologie.

Die Zeit bei der Marine habe ihm allerdings bei seiner Arbeit als Polizeipfarrer sehr geholfen. „Ich weiß, wie es in einer uniformierten Schicksalsgemeinschaft zugeht. Da muss sich jeder auf jeden verlassen. Ich weiß, wie sich Schichtdienst anfühlt. Ich habe die Reaktionen der Öffentlichkeit auf Uniformträger erlebt.“ Der Polizeiseelsorger bietet Einzelgespräche und Gruppenseminare für Polizisten an.

Er ist auch bei großen Einsätzen dabei, um die Beamten vor Ort zu begleiten. Grützner weiß auch, vor welch einem Dilemma Polizisten oft stehen. Sie müssen auch etwa Demonstrationen schützen, von deren Zielen sie nicht überzeugt sind. „Das ist ein grundsätzlicher Konflikt.“ Ein Polizist müsse sich dann immer sagen, dass er nicht die Leute schütze, die auf die Straße gehen, sondern die Meinungsfreiheit. „Das geht alles nur, wenn sie auf den Grundlagen des Rechtsstaates stehen.“ Während ein normaler Bürger die Gesetze nur kennen und einhalten müsse, müsse ein Polizist die Verfassung lieben. „Sonst bricht er an diesem ethischen Konflikt.“

Er habe auch schon erlebt, dass Polizisten ihren ethischen Konflikt nach außen getragen haben, erzählt der Landespolizeipfarrer. Als es in Gorleben Demonstrationen gegen Atomtransporte gegeben habe, sei auf vielen Einsatzfahrzeugen der Polizei ein X zu sehen gewesen. Das war ein Zeichen der Widerstandsbewegung.

Dass immer mehr Polizisten attackiert würden, erklärt sich Grützner damit, dass der Widerstand gegen Autoritäten und Institutionen generell zugenommen habe. „Das ist ein gesellschaftlicher Prozess. Und die Polizei steht als Repräsentant des Staates an vorderster Stelle.“ Der Landespolizeipfarrer ist mitunter auch entsetzt darüber, wie „frech Jugendliche heutzutage mit der Autorität der Polizei“ umgehen. Das sei früher anders gewesen. Alle gesellschaftlichen Schichten seien betroffen. „Auch sehr überhebliche Jugendliche aus besten Elternhäusern.“

In der Gesellschaft sei das Wissen verloren gegangen, dass das Gewaltmonopol beim Staat liegt. „Es ist eine Zumutung für Polizisten, Gewalt anwenden zu müssen“, sagt Grützner. Er wolle nicht schönreden, dass es auch Übergriffe gebe, aber daran erinnern, „dass die Polizei das Machtmonopol für uns wahrnimmt“. Ethik hält er so für das wichtigste Fach in der Ausbildung für Polizisten. Er findet: „Ein Polizist braucht ein gerüttetes Maß an Menschenfreundlichkeit.“

Warum aber gehen Polizisten zu einem Pfarrer? Grützner sagt: „Was uns anvertraut wird, bleibt unter uns.“ (Ulrike Pflüger-Scherb)

Zur Person: Kurt Grützner

Kurt Grützner wurde 1955 in Hannover geboren. Seine Schulzeit verbrachte er in Kassel, das Abitur machte er an der Albert-Schweitzer-Schule. Von 1973 bis 1975 war er Berufsoffiziersanwärter. Von 1975 bis 1981 studierte er Evangelische Theologie in Hamburg, Bethel, Göttingen und Marburg. Es folgten ein Vikariat in Baunatal sowie verschiedene Stationen bei der Evangelischen Kirche. 1987 übernahm er eine halbe Pfarrstelle in Schauenburg-Hoof, die andere Hälfte widmete er der Polizeiseelsorge. 1994 übernahm er eine hauptamtliche Pfarrstelle für Polizeiseelsorge. 2006 wurde er zum Landespolizeipfarrer ernannt. Von 1998 bis 2014 war er Vorsitzender der „Konferenz Evangelischer Polizeipfarrer“ (KEPP). Sein Hobby ist das Saxofonspielen. Grützner war mit einer Brasilianerin verheiratet, die vor elf Jahren gestorben ist. Aus dieser Ehe stammen zwei Söhne. Seit fünf Jahren ist er mit seiner jetzigen Frau verheiratet, die zwei Kinder mit in die Ehe gebracht hat. Sie ist übrigens Polizistin. (use)

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