Sinti und Roma sollen nur noch für sieben Tage auf Kasseler Platz campen dürfen

Landfahrer in Aufruhr

Neue Regeln hängen aus: Die Stadt hat ab diesem Jahr die Vorschriften für den Landfahrer-Platz an der Königinhofstraße verändert. So dürfen Nutzer maximal sieben Tage bleiben. Sinti und Roma aus Kassel und dem Landkreis dürfen dort nicht campen. Fotos: Ludwig

Kassel. Auf dem Landfahrer-Platz an der Kasseler Königinhofstraße herrscht im April eigentlich noch Ruhe. Die meisten deutschen Sinti und Roma, für die der Schotterplatz in den 90er-Jahren eingerichtet wurde, kommen erst, wenn die Temperaturen steigen. Nun sind die Mitglieder der Volksgruppen aber in Unruhe. Das Ordnungsamt will die Nutzer während der Öffnungssaison von April bis Oktober nur noch für maximal sieben Tage dulden.

Niemand solle sich länger niederlassen dürfen, um immer genug Stellplätze für Durchreisende anbieten zu können, sagt Lothar Pflüger vom Kasseler Ordnungsamt. Auch Sinti und Roma aus Kassel und dem Landkreis Kassel seien deshalb nicht mehr als Dauer-Camper geduldet. In den vergangenen zwei Jahren sei der Platz überfüllt gewesen, was auch für Müllprobleme gesorgt habe. Zudem habe es wiederholt Streit zwischen den Volksgruppen gegeben.

„Wir sind unerwünscht“

Die Sinti- und Romafamilien, von denen erst wenige in Kassel eingetroffen sind, halten die neuen Regeln für eine Schikane. „Wir sind unerwünscht, das ist das Problem“, sagt ein 52-jähriger Sinto. Im Sommer stünden bis zu 30 Wohnwagen auf der Fläche, für alle sei genug Platz.

Für eine 66-jährige Rentnerin aus Kassel könnten es die letzten Tage auf dem Platz sein. Als Kasseler Sinti soll sie ihren Wohnwagen von dem Platz entfernen. „Ich verstehe das nicht. Das ist meine Kultur, die ich gern bewahren möchte. Ich lebe im Sommer tagsüber hier und bin abends in meiner Wohnung.“

Aber auch für Durchreisende sei die Sieben-Tage-Regelung unsinnig. Viele reisende Sinti und Roma hätten für mehrere Wochen Arbeitsaufträge vor Ort. Einen weiteren Platz zum Ausweichen gebe es in der Region nicht und auf Campingplätzen seien sie unerwünscht.

„30 bis 40 Menschen, auch Kleinkinder, leben da in Zelten.“

Lothar Pflüger, Ordnungsamt

Viele der Sinti und Roma arbeiten im Hausierergewerbe, bieten Dachreinigungen an oder verdienen sich etwas als Messer- und Scherenschleifer. Für jedes Fahrzeug oder Zelt zahlen die Nutzer des Platzes eine Tagespauschale von fünf Euro für Wasser, Strom, Müllentsorgung und einen Klo-Container.

Die alleinstehende Kasseler Sinti-Frau erzählt, dass es hin und wieder Streit zwischen den Volksgruppen gegeben habe. Auch ihren Müll hätten einige nicht ordentlich entsorgt. Aber schwarze Schafe gebe es überall, die meisten lebten vernünftig zusammen. Sie wünscht sich, dass sich Oberbürgermeister Bertram Hilgen selbst ein Bild von der Lage macht. Sein Vorgänger Georg Lewandowski habe das getan.

Lothar Pflüger vom Ordnungsamt hofft auf das Verständnis der Nutzer: Der Platz sei nicht zum Daueraufenthalt gedacht. Sorgen bereite ihm vor allem ein Camp von Roma, die dort derzeit unter einer Brücke ihre Zelte aufgeschlagen haben. Sie sollen teilweise der Bettelei nachgehen. „30 bis 40 Menschen, auch Kleinkinder, leben da in Zelten“, sagt Pflüger. Deshalb habe man bereits das Jugendamt eingeschaltet.

Von Bastian Ludwig

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