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Landgericht Kassel: 19-jährige Mutter soll Baby getötet haben

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Von: Ulrike Pflüger-Scherb

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Fundort der Babyleiche: Der Säugling wurde im März 2021 in einem Graben an einem Radweg im Werra-Meißner-Kreis gefunden.
Fundort der Babyleiche: Der Säugling wurde im März 2021 in einem Graben an einem Radweg im Werra-Meißner-Kreis gefunden. © Archiv

Weil sie ihren neugeborenen Sohn getötet haben soll, muss sich eine 19-Jährige vor dem Landgericht Kassel wegen Verdachts des Totschlags verantworten.

Kassel – „Dumm, dumm und unerfahren.“ So lautete am Montag die Antwort des 20-jährigen Zeugen auf die Frage von Richter Dreyer, warum er und seine ehemalige Freundin beim Geschlechtsverkehr nicht verhütet hätten. „Ich weiß nicht, ob wir mal ein Kondom benutzt haben. In der Regel nicht.“

Die junge Frau muss sich vor der 1. Strafkammer des Landgerichts Kassel wegen des Verdachts des Totschlags verantworten. Das gemeinsame Kind der beiden war nach der Geburt mit seiner Nabelschnur erdrosselt worden. Anschließend hatte es die 19-Jährige in einen Graben abgelegt.

19-jährige Mutter soll ihr Baby getötet haben ‒ Paar betrieb keine Verhütung

„Sie wollte die Pille nicht nehmen, ich hatte mit Kondomen nicht viel am Hut. Dann haben wir das so gelassen“, sagte der 20-Jährige im Zeugenstand. Die Frage des Vorsitzenden Richters, ob er aufgeklärt sei und wisse, wo die Kinder herkommen, bejahte der junge Mann, der auf der Suche nach einem Ausbildungsplatz ist, allerdings.

Er habe erst durch ein Schreiben der Polizei erfahren, dass seine ehemalige Freundin im März 2021 ein Kind zur Welt gebracht habe, das anschließend tot aufgefunden worden sei. Sie hätten sich im September 2020 getrennt. „Ich fühlte mich nicht mehr geliebt und habe jemand anderes kennengelernt.“ Er habe aber bereits im Sommer 2020 den Verdacht gehabt, dass seine damalige Freundin schwanger sein könnte.

Sie habe oft Magenkrämpfe gehabt und sich übergeben müssen. Deshalb habe er ihr auch einen Schwangerschaftstest besorgt. Den habe sie aber offenbar nicht gemacht. Sie habe auch nicht zu einem Arzt gehen wollen. Sie hätten sich in ihrer Beziehung schon über eine mögliche Schwangerschaft unterhalten. Es sei klar gewesen, dass es im Fall einer Schwangerschaft zu einer Abtreibung hätte kommen sollen.

Psychiaterin: Angeklagte ging Problemen aus dem Weg

Der Ex-Freund behauptete vor Gericht auch, dass die Eltern der jungen Frau im Sommer 2020 den Verdacht gehabt hätten, ihre Tochter könne schwanger sein. Das stritt der 50-jährige Vater ab. Er und seine Frau hätten keine Ahnung davon gehabt. Seine Tochter beschrieb er als sehr leisen und ziemlich zurückgezogenen Menschen. Wenn es zu Konflikten mit ihr gekommen sei, dann habe sie sich stets zurückgezogen und stur und bockig reagiert.

Dass die junge Frau Problemen gern aus dem Weg geht, diesen Eindruck hat auch die Sachverständige Birgit von Hecker, Fachärztin für Neurologie und Psychiatrie an der Vitos-Klinik für Forensische Psychiatrie in Bad Emstal, gewonnen. Sie sei ein eher schüchterner Typ, der Aufmerksamkeit vermeiden wolle. Deshalb habe die junge Frau auch bevorzugt weite Kleidung getragen, um ihren Körper nicht zeigen zu müssen.

Geburt führte zu einer psychischen Überforderung der Angeklagten

Die Angeklagte habe die Schwangerschaft verleugnet und sei dann von der Geburt überrascht worden, so die Sachverständige. Bei der Geburt habe sie an einer psychischen Überforderung gelitten. „Das war in Kombination mit den Schmerzen und der Erschöpfung eine außergewöhnliche Belastungssituation für sie“, so von Hecker.

Auch wenn sie „nicht mehr ein noch aus gewusst habe“, sei die Angeklagte aber psychisch gesund. Es gebe auch keine Hinweise auf eine hirnorganische Störung. Ihre Steuerungsfähigkeit sei zwar vermindert, aber nicht aufgehoben gewesen.

Laut von Hecker kommt es bei einer von 2455 Schwangerschaften vor, dass diese von der Frau verleugnet beziehungsweise nicht bemerkt werde. In Deutschland passiere das in 1600 Fällen pro Jahr. In 20 bis 40 dieser Fälle komme es nach der Geburt zu einer Kindstötung. Der Prozess vor dem Kasseler Landgericht wird am Donnerstag, 31. März, fortgesetzt. (Ulrike Pflüger-Scherb)

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