Ein Mannschaftsspieler verlässt das Feld

Dr. Wolfgang Löffler, Präsident des Kasseler Landgerichts, geht in Ruhestand

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Dr. Wolfgang Löffler

Kassel. Fußball allerorten: Welche Gemeinsamkeit gibt es zwischen Richtern und Schiedsrichtern? „Auch vor Gericht haben wir mit Fouls zu tun“, sagt Dr. Wolfgang Löffler. Wenn das WM-Spiel der Deutschen gegen die USA beginnt, hat der Präsident des Kasseler Landgerichts sich bereits von seiner Mannschaft verabschiedet.

Der 65-jährige Jurist geht in den Ruhestand. So mancher Kollege wird ihn nicht gerne ziehen lassen.

Löffler ist als Teamplayer bekannt und geschätzt. Der Richter, der in Kassel geboren und am Hafen aufgewachsen ist, gilt als souveräner Vorsitzender, bodenständig, aufgeschlossen, fair und seiner nordhessischen Heimat eng verbunden.

Das „Zusammenspiel“ mit seinen Kollegen, auch den nicht richterlichen Bediensteten, sei für seine Tätigkeit als Präsident sehr wichtig gewesen. Löffler hat so gut wie alle Mitarbeiter in der Gerichtskantine an der Frankfurter Straße mit Namen begrüßt.

Neben der fachlichen Qualifikation, dem Pflicht- und Verantwortungsbewusstsein und der Fähigkeit zur Krisenbewältigung müsse ein guter Richter über eine ausgesprochene soziale Kompetenz verfügen, sagt Löffler. Unter Letzterem versteht er einen angemessenen Umgang mit allen Verfahrensbeteiligten und das Wissen um die Folgen einer Entscheidung.

Zur Person

Dr. Wolfgang Löffler (65) wurde 1949 in Kassel geboren. Er studierte Jura in Marburg und wurde 1979 zum Richter auf Lebenszeit beim Landgericht Kassel ernannt. Löffler war seit 1989 Vorsitzender einer Strafkammer. Im April 2005 verließ der Jurist Kassel, um in Fulda Vizepräsident des Landgerichts zu werden. Im Oktober 2006 kehrte er in seine Heimatstadt zurück, weil er am Amtsgericht zum Präsidenten ernannt worden war. Im Februar 2009 wurde Löffler Präsident des Kasseler Landgerichts. Er ist verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder, eine 32-jährige Tochter und einen 29-jährigen Sohn. In seiner Freizeit engagiert er sich im Kasseler Angelverein Chassalla und beim TSV Heiligenrode. Seinen Ruhestand will er verstärkt für seine Hobbys (Lesen, Sport, Kultur, Historie) und Reisen mit seiner Frau nutzen.

Am allerwichtigsten sei ihm in seinem Beruf aber immer die richterliche Unabhängigkeit gewesen, sagt der 65-Jährige, der ursprünglich Anwalt werden wollte. Als Anwalt hat Löffler zu Beginn seiner Karriere aber nur kurz gearbeitet. „Mit dieser Rolle, in der ich Partei für meine Mandanten ergreifen musste, habe ich mich nicht immer wohlgefühlt. Die Richterrolle, die zur Unparteilichkeit verpflichtet ist, hat mir besser gelegen.“

Mitunter musste der Jurist, der lange Vorsitzender der Jugendstrafkammer war, auch Kritik einstecken. Im Jugendstrafrecht steht der Erziehungsgedanke im Vordergrund. Da müsse man schon großes Verständnis für den jugendlichen Angeklagten und seine Reife aufbringen, sagt Löffler. Deshalb seien der Öffentlichkeit die Entscheidungen oftmals schwer zu vermitteln gewesen.

Er hat sich eigentlich immer vorgenommen, mit den Prozessen nicht sein Privatleben zu belasten. „Es gibt aber Fälle, bei denen das nicht gelingt.“ Löffler erzählt von einem kleinen Mädchen, das von dem Freund seiner Mutter getötet worden war. Das Kind war am selben Tag wie seine eigene Tochter geboren. „Die Sache hat mich sehr lange beschäftigt, das kann man nicht so einfach abstreifen.“

„Als Richter ist man nicht davor gefeit, eine falsche Entscheidung zu fallen“, sagt Löffler. Man habe allerdings die Verpflichtung, auf Grundlage seiner Ausbildung und nach besten Wissen und Gewissen Urteile zu fällen. „Mehr können Sie nicht machen.“

Er sei nicht traurig, dass er die Richterrobe nun ablege. „38 Jahre sind genug. Allerdings werden mir die Kollegen fehlen.“

Das sagt Löffler über ...

... Opfer

In den 1970er-Jahren hat man Opfer auf ihre Rolle als Zeugen reduziert. Früher hat man vor Gericht nicht erfasst, welche Folgen eine Straftat für Opfer haben kann. Das hat sich mittlerweile geändert. Opfer haben eine Stimme bekommen. Nichtsdestotrotz muss der Opferschutzgedanke nach wie vor gestärkt werden.

... Kriminalität

Zunächst muss man Kriminalität als etwas verstehen, was in jeder Gesellschaft vorkommt. Allerdings haben sich bestimmte Erscheinungsformen in den letzten Jahren verändert. Wenn früher zwei Täter einen Spaziergänger ausrauben wollten, dann haben sie ihn in der Regel aufgefordert, sein Geld herauszurücken. Wenn das Opfer sich gesträubt hat, sind die Täter auch gewalttätig geworden. Heute ist es oft so, dass die Täter sofort zuschlagen.

... Verfahrensdauer

Verfahren, ob nun im Zivil- oder im Strafbereich, werden immer komplizierter. Das ist auch auf die Komplexität der Strafprozessordnung zurückzuführen. Die Zahl der Verfahren mit sehr vielen Verhandlungstagen nimmt immer weiter zu, was die Strafkammern und Richter vor Herausforderungen stellt. In einer globalen Welt werden auch die Beteiligten immer globaler, das fängt bei den Anwälten an und hört bei den Zeugen auf. Vielleicht liegt es auch an der rasanten Vermehrung der Anwälte in Deutschland. Als ich angefangen habe, gab es 60.000, mittlerweile sind es über 160.000. Je höher die Anwaltsdichte, desto höher auch der Konkurrenzdruck. Das mag sich im Einzelfall auch auf die Verfahrensdauer auswirken.

Von Ulrike Pflüger-Scherb

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