Kommentar: Ohne die Partei hätte eine Demokratie nichts zu lachen

Mehr als ein Witz: Die Partei hat nicht immer recht, aber manchmal schon

+
Sieht so die Gefahr für die Demokratie aus? Die Kasseler Kandidaten der Partei für die Landtagswahl, Sören Magerkort (links) und Paul "Luna" Schon.

Zuletzt warf unser Kommentator den Satirikern der Partei vor, dem Wahlrecht den Mittelfinger zu zeigen. Viele sind wütend auf die Spaßmacher - dabei verteidigen sie die Demokratie. Eine Erwiderung.

Niemals würde ich die Partei wählen - und dennoch finde ich es gut, dass es sie gibt. Das sehen nicht alle so. Manche halten die Satirepartei für eine noch größere Gefahr für die Demokratie als die AfD. Schon vor der Bundestagswahl 2017 schrieben Kommentatoren voller Wut: "Wer diese Partei wählt, ist noch demokratieschädlicher als jeder Nichtwähler." Nun warf mein Kollege Axel Schwarz den "zynischen und dekadenten Politiker-Karikaturen" vor, das "System der politischen Meinungs- und Willensbildung zu verachten" sowie dem "Wahlrecht pubertär feixend den Stinkefinger zu zeigen".

Das sind ziemlich harte Worte für eine Partei, die auf den ersten Blick nur ein Witz ist. Gegründet wurde sie 2004, "weil wir absolut nicht mehr wussten, welche Partei man noch guten Gewissens wählen kann", wie der Bundesvorsitzende und ehemalige "Titanic"-Chefredakteur Martin Sonneborn sagt. Enttäuschte Wähler, denen die CDU zu sozialdemokratisch geworden ist, die Linke zu populistisch, die SPD zu braunkohlelastig und die Grünen zu sehr Volkspartei sind, werden das verstehen.

Das Wahlprogramm der Partei

Oft heißt es, dass eine Stimme für die Partei eine Stimme für die AfD sei, weil die Scherzbolde kaum Chancen haben, die Fünf-Prozent-Hürde zu überwinden. Nach dieser Logik dürfte es überhaupt keine kleinen Parteien mehr geben, was nicht sehr demokratisch wäre. In Wahrheit stärkt die Partie mit ihren Gags, die mal mehr und mal weniger gelungen sind, unsere freiheitliche Staatsform gegen alles, was sie bedroht. Einmal hackten Mitarbeiter die Facebook-Gruppe der AfD. Sonneborn hielt im Europaparlament eine jetzt schon legendäre Rede gegen den türkischen Staatspräsidenten Erdogan. Er hat angekündigt, vor Gericht gegen die Parteienfinanzierung zu klagen, die um 25 Millionen Euro erhöht wird. Von anderen Fraktionen wünscht man sich so etwas vergeblich.

Die Partei hat auf keinen Fall die Lösung aller Probleme, wie manch andere politische Vereinigung von sich behauptet. Aber sie ist auch nicht für das Auseinanderbrechen der Gesellschaft verantwortlich, nicht für das Verschwinden der Volksparteien und für den Aufstieg der Rechtspopulisten ebenfalls nicht.

Die Partei in Hessen

Im letzten Kasseler Oberbürgermeisterwahlkampf machte ihre Forderung nach "Tempo 130 auf dem Innenstadtring" die autoversessene Gestrigkeit der regionalen Verkehrspolitik deutlich. Und der Vorschlag der Landtagskandidatin Paul "Luna" Schon, den Obelisken mit der Spitze nach unten in den Boden des Königsplatzes zu stecken, ist sinnvoller als alles andere, was die Mehrheit der Kasseler Stadtverordneten in den vergangenen Monaten zu dem documenta-Kunstwerk beschlossen hat.

Es spricht für die Partei, dass sie unseren Kommentar, der ihr "versnobte Demokratrieverachtung" vorwarf, per Facebook und Twitter in die Welt sendete - mit einer Frage aus einem Lied der Poser-Hardrockband Whitesnake: "Is this love that I'm feeling?" Nein, liebe Partei, Liebe ist es nicht, was wir vor der Landtagswahl fühlen. Aber In einer Demokratie, in der es keinen Platz für eine Partei wie die Partei gibt, hätte niemand mehr etwas zu lachen.

Unser Spezial zur Landtagswahl in Hessen

„Irre Splitterpartei“: Sonneborn reagiert auf Kritik nach Wahlplakat mit abgetrenntem Söder-Kopf

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.