Am Sonntag ist Gedenktag für die Opfer von Transphobie

Der lange Weg von Sven zu Svenja: Das Leben als Transsexuelle

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Steht zu ihrer Identität: Svenja Larissa Kopp hieß früher Sven und leitet heute die Kasseler Selbsthilfegruppe für Transsexuelle.

Kassel. Immer wieder gibt es Angriffe auf Menschen wegen ihrer sexuellen Identität. Svenja Kopp aus Kassel, die früher Sven hieß und transsexuell ist, kämpft für mehr Toleranz.

Die mittelblonden Haare trägt Svenja Larissa Kopp in einem Zopf zusammengebunden. Das Rouge verleiht ihrem Gesicht an diesem grauen Novembernachmittag etwas Frische. Die Frau wirkt selbstsicher und selbstbewusst. Das war in ihrem Leben nicht immer so: Ein langer, steiniger Weg liegt hinter der 38-Jährigen, an dessen Ende aus Sven Svenja wurde. Svenja ist transsexuell.

„Ich wusste schon als Kind: Ich bin irgendwie anders und habe mich mein ganzes Leben gefragt, warum", erzählt Svenja. Aufgewachsen ist sie in Northeim bei Göttingen als Nesthäkchen. Als Kind hatte sie jede Menge beste Freundinnen, schlüpfte gerne in Mädchenkleider.

Bei den Jungs gehörte sie nie richtig dazu, wurde gehänselt. In der Pubertät verstärkte sich das Gefühl. Sie versuchte gegen zu steuern, wollte männlich wirken, trank Alkohol, rauchte und raufte sich. Nach dem Hauptschulabschluss stieg sie beim elterlichen Kurierdienst ein. Fortan bestimmten mächtige Busse und Lkw ihren Alltag. „Ich war unzufrieden mit meinem Leben, ich wollte ein harter Mann sein. Und gleichzeitig versteckte ich Frauenkleidung im Schrank. Ich schämte mich dafür und dachte ich hätte einen Knacks“, berichtet Svenja.

Durch Zufall entdeckte sie 2010 die Internetseite einer Betroffenen. „Der sehr persönliche Blog hat mir die Augen geöffnet. Ich wusste plötzlich: ich bin nicht allein, da draußen gibt es Menschen wie mich, die sich mit ihrem angeborenen Geschlecht nicht wohlfühlen.“

Es folgte ein langsames Outing: „Die ersten Tage, an denen ich mich öffentlich in Frauenkleidung zeigte, waren die Schlimmsten: Ich wurde regelrecht begafft und wäre am liebsten im Boden versunken“, erzählt Svenja.

Und wie der Familie, den Freunden und vor allem den Klassenkameraden in der Abendschule erklären, dass Sven fortan Svenja ist? Die Reaktionen ihrer Umwelt auf ihr Outing waren unterschiedlich: „Meine Mutter stand von Anfang an voll hinter mir. Bei meinem Vater hat es einige Zeit gedauert, bis er den Schock verdaut hatte“, berichtet sie.

2014 dann schließlich ein großer Schritt: die geschlechtsangleichende Operation. Nach über sechs Stunden auf dem Operationstisch war aus Sven endgültig Svenja geworden. „Die Schmerzen nach der Operation waren schlimm“, erinnert sie sich. Doch das befreiende Gefühl die Herrenklamotten endgültig im Altkleidercontainer zu entsorgen, sei wie ein Befreiungsschlag gewesen.

Svenja ist Leiterin einer Selbsthilfegruppe für transidente Menschen, möchte ihr Wissen und ihre Erfahrungen auch an andere Betroffene weitergeben. Es gebe noch viel Nachholbedarf insbesondere bei Behörden und in Schulen zum sensiblen Umgang mit Transsexuellen resümiert Svenja. Auch bei der Wohnungssuche merke sie, dass manche Vermieter Vorbehalte hätten. „Ich wünsche mir ein Klima der Toleranz und Akzeptanz, jeder darf so sein wie er ist.“

Von Mirjam Hagebölling

Gedenktag und Selbsthilfegruppe

Der „Gedenktag für die Opfer von Transphobie“ wird international am 20. November begangen. In Kassel gibt es einen Empfang am Dienstag, 22. November, im Stadtteilzentrum Wesertor, Weserstraße 26, 19 Uhr.

Die Selbsthilfegruppe bei der KISS (Kontakt- und Informationsstelle für Selbsthilfegruppen) trifft sich jeden dritten Sonntag im Monat um 18 Uhr in der AWO Geschäftsstelle, Wilhelmshöher Allee 32a.

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