Karl-Branner-Brücke bleibt

Neue Namen für Willi-Seidel-Haus und Branner-Halle

Um diese Ehrungen geht es: In der Karl-Branner-Seitenhalle im Rathaus steht die Büste des ehemaligen Oberbürgermeisters. Zudem ist eine Brücke über die Fulda zur Unterneustadt nach ihm benannt. Das Jugendhaus trägt den Namen Willi Seidels. Archivfotos: Koch, Fischer

Kassel. Am Montagabend ging es in der Stadtverordnetenversammlung um eine Gewissensfrage. Es sollte darüber entschieden werden, ob und, wenn ja, welche Ehre den ehemaligen SPD-Oberbürgermeistern Karl Branner und Willi Seidel wegen ihrer NS-Vergangenheit gebührt.

Deshalb hatte etwa die besonders betroffene SPD-Fraktion das Abstimmungsverhalten allein der persönlichen Haltung ihrer Mitglieder überlassen. Bei den Genossen waren die Positionen bei dieser sensiblen Angelegenheit gespalten.

Zwei Stunden lang diskutierten die Stadtverordneten kontrovers. SPD-Fraktionschef Dr. Günther Schnell legte dar, warum die meisten in seiner Fraktion die Ehrungen für Branner nur teilweise streichen möchten. Während weder ein Jugendhaus (Willi-Seidel-Haus) noch die Ehrenhalle im Rathaus (Karl-Branner-Halle) einen umstrittenen Namen tragen sollten, müsse bei der Bewertung Branners auch dessen Leben nach 1945 berücksichtigt werden. Als Oberbürgermeister habe er sich Verdienste erworben. Zudem sei erkennbar, dass er sich im Krieg von der NS-Ideologie abgewandt habe.

Aus diesem Grund, so der SPD-Fraktionschef, sei es angemessen, die „Karl-Branner-Brücke“ so zu belassen. Allerdings solle an dem Bauwerk eine Informationstafel angebracht werden. Auf dieser sollen auch Branners NS-Verstrickungen thematisiert werden.

Auf diese von der SPD vorgelegten Vorschläge konnten sich die Stadtverordneten schließlich mehrheitlich einigen. Während der Magistrat die Karl-Branner-Halle im Rathaus nun umbenennen kann, wird er im Fall des Willi-Seidel-Hauses dem Ortsbeirat Unterneustadt vorschlagen, die Umbenennung vorzunehmen.

Die CDU hatte in der Angelegenheit an der Seite der SPD gestimmt, die Grünen, die Linken und die Fraktion Demokratie erneuern / Freie Wähler sowie die FDP hatten eigene Anträge eingebracht (siehe Artikel links). Diese gingen allesamt weiter als das von der SPD vorgelegte Papier.

So forderten diese Fraktionen, auch für die Karl-Branner-Brücke einen neuen Namen zu finden. Auch eine Handvoll Sozialdemokraten vertrat diese Ansicht. Im Mittelpunkt stand für ihre Entscheidung, dass Branner keine Person mit Vorbildcharakter mehr sein könne. Er habe die NS-Ideologie in seiner Doktorarbeit postuliert, sich in der Nazi-Zeit opportunistisch verhalten und sich davon später nie öffentlich distanziert.

Dass sich die Befürworter einer Brücken-Umbenennung nicht durchsetzen konnten, lag daran, dass bei den Linken einige Stadtverordnete krankheitsbedingt nicht anwesend waren. Zudem hatte sich die dreiköpfige Fraktion „Demokratie erneuern / Freie Wähler“ der Abstimmung irgendwann völlig verweigert, da sie mit dem Abstimmungsprozedere nicht einverstanden gewesen war.

Die Positionen der Fraktionen

Vier unterschiedliche Anträge zum Umgang mit den Ehrungen der Alt-Oberbürgermeister legten die Fraktionen in der Stadtverordnetenversammlung vor:

SPD-Fraktion

• Fordert die Rückbenennung der Karl-Branner-Halle im Rathaus, die in Zukunft keinen Namen mehr tragen soll.

• Fordert die Rückbenennung des Willi-Seidel-Hauses in „Haus der Jugend“.

• Will den Namen der „Karl-Branner-Brücke“ beibehalten und an der Brücke ein Hinweisschild anbringen, das auf die Biografie von Branner hinweist. Grünen-Fraktion

• Will die Namensgebung der Karl-Branner-Brücke ändern.

• Fordert die Aufhebung des Namens „Karl-Branner-Halle“.

• Will das Willi-Seidel-Haus wieder „Haus der Jugend“ nennen.

• Will dem Stadtmuseum vorschlagen, sich den Biografien der ehemaligen Oberbürgermeister zu widmen.

Linke-Fraktion

• Will die Umbenennung des Willi-Seidel-Hauses.

• Fordert die Umbenennung der Karl-Branner-Brücke.

• Will die Karl-Branner-Halle umbenennen. Zudem sollen dort die Gründe für die Aberkennung der Ehrungen dargestellt werden. Ähnliche Hinweise soll es an der Karl-Branner-Brücke und am Willi-Seidel-Haus geben.

• Präsentation der Biografien im Stadtmuseum.

• Die Lebensläufe aller namensgebenden Personen (ab Kolonialzeit) für Kasseler Plätze und Straßen sollen wissenschaftlich bearbeitet werden. Freie Wähler / FDP

• Sie fordern die Umbenennung der Karl-Branner-Halle.

• Sie wollen die Rückbenennung des Willi-Seidel-Hauses.

• Gefordert wird eine neue Namensgebung für die Karl-Branner-Brücke.

• Die Biografien der Alt-Oberbürgermeister sollen im Stadtmuseum präsentiert werden.

• Die Stadtverordneten sollen erklären, dass die 1975 erteilte Ehrenbürgerschaft für Branner aus heutiger Sicht nicht erfolgt wäre.

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