Umstrittener Rapper im Club Caramel

Bushido in Kassel: Kein Grund für Stress

Kassel. Auch für Bushido ist nicht mehr alles wie früher. „Früher“, sagt der 35-Jährige bei seinem exakt einstündigen Auftritt in der Nacht zu Samstag im Club Caramel, „hat man die Hände gesehen, heute sieht man nur die Handys“.

Dicht stehen seine Fans vor ihm, zum Greifen nah, halten ihm die Smartphones ins Gesicht. „Handys in die Hosentaschen“, sagt Bushido. „Alles Klärchen“, „ihr seid richtig korrekt, Alter“. Kein Grund für Stress.

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Auch andere Dinge haben sich für Bushido geändert. Der einstige Fernseh- und Feuilletonliebling und sogar CDU-Bundestagspraktikant steht unter Druck, seit der „Stern“ Verbindungen zum libanesischen Abou-Chaker-Clan recherchiert hat, seit seine jüngste CD „NWA“ mit dem Lied „Stress ohne Grund“ indiziert ist. Die Berliner Staatsanwaltschaft hat Anklage unter anderem wegen Volksverhetzung und Beleidigung erhoben.

In Kassel zeigt der Sohn eines Tunesiers und einer Deutschen das Gesicht, das ihm den Integrationsbambi des Burda-Verlags eingebracht hat. Er tritt charmant auf, professionell, kontrolliert, und, wirklich: charismatisch. Er ist dem Publikum zugewandt („danke, dass Ihr da seid“), singt mal nur mit den Mädels, plädiert für Gleichberechtigung („das alte Denken gibt’s ja nicht mehr“) und behauptet, er sei „eher der schüchterne Typ. 22 Uhr ist bei uns Bettruhe zu Hause.“ Verheiratet ist Anis Ferchichi, wie Bushido bürgerlich heißt, mit Sarah Conners Schwester, Mesut Özils Ex: Anna-Maria Lagerblom, die beiden haben eine gemeinsame Tochter.

Aktualisiert um 14.30 Uhr.

In Kassel ließ Bushido mit seiner Entourage – alle bärtig, die Haare an den Seiten kürzer rasiert – lange auf sich warten. Gelegenheit, das Nachtleben an der Neuen Fahrt zu beobachten. Aufgemotzte Schlitten heulen auf, ein Minicar nach dem anderen fährt vorbei, ein aufgebretzeltes Mädel wird vom Freund nach Haus geschickt, ein paar Jungs, die auch längst im Bett sein müssten, hoffen, einen Blick auf den Star zu erhaschen. Irgendwann taucht ein kompakter Bushido-Mitarbeiter auf, das Handy ist hier das wichtigste Accessoire, wichtiger noch als die Zigarette, unablässig wird telefoniert. Eine gewisse Nervosität liegt in der Luft.

480 Karten habe er verkauft, sagt Clubbetreiber Alberto Jaber. Dem Augenschein nach sind es deutlich weniger, die jubeln, als DJ Gangi von Major Moves genau um 1.48 Uhr auflegt, Bushido die Kapuze abstreift. Die Bässe gehen in den Magen. Wem Bushidos Welt nicht vertraut ist, versteht nun nur Bruchstücke: Motherfucker, Wichser, Hitchcock, Titten, Schutzgeld, Schöneberg, Sarrazin, Benzinkanister, „ich zünd’ die Aka“ und „nie wieder arbeiten“. In klarer Sprache von der Skyline zum Bordstein.

Irgendwann entdeckt Bushido den HNA-Berichterstatter, der mit seinem Schreibblock an der Wand lehnt, und hält ihn zuerst für einen „Typ vom Jugendamt, Stadt Kassel“, weil er doch im Moment „ein bisschen Ärger“ habe. „Oder Presse?“ Alle drehen sich um. „Das Gequatsche könnt ihr später in der Zeitung lesen.“ Später wird Rapper Shindy, der auf Bushidos Label veröffentlicht und mit ihm auf der Bühne steht, aber vollkommen blass bleibt, genau beobachten, dass „der von der Presse sogar mitgenickt hat“. Und die Beats zum „Forever Young“-Song von Alphaville erkennt der Reporter überrascht als Reminiszenz seiner eigenen Jugend.

Fotos: Rapper Bushido im Club Caramel

Rapper Bushido im Club Caramel in Kassel

Bushido macht einen Scherz, dass er Shindy „so homoerotisch findet“, sich nicht mehr konzentrieren könne und deshalb einen Titel abbricht. Ein Witzchen über Rapper Kay One, der sich von Bushidos Label ersguterjunge gelöst hat, als Kronzeuge im „Stern“ zitiert wurde, jetzt unter Polizeischutz steht. Man bekommt viel Gelegenheit nachzudenken, ob Bushidos Böses-Buben-Image eine Pose darstellt, als Masche und Marketinginstrument eingesetzt wird, und was daran wahre Haltung ist. Und was es eigentlich bedeutet, dass so viele nach diesen gewaltverherrlichenden, aggressiven Titeln gieren. Und irgendwann erinnern die im Rhythmus wippenden, ausgestreckten Arme der dicht gedängten Menschen an ganz andere Bilder im Kopf, schwarz-weiße 30er-Jahre-Szenerien.

Am Ende holt Bushido einen 18-Jährigen aus Großalmerode auf die Bühne. Er soll die Gelegenheit seines Lebens bekommen: ein spontaner Rap, ein Handyfilmchen mit dem Vorbild, ein paar Momente Ruhm auf Youtube. Bushido muntert ihn freundlich auf, nimmt ihm die Angst („wir waren alle mal 18“), es soll auch sein eleganter Abgang sein. „Du hast die Chance leider nicht genutzt“, sagt Bushido dann. „War nicht cool.“ Er geht von der Bühne, die Fans stürzen sich auf ihn.

Von Mark-Christian von Busse

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