Gebühr soll gegensteuern

Steigende Einsatzzahlen der Retter: Lappalien blockieren Notfälle

Ein Einsatz von vielen: Unser Archivbild zeigt Rettungsdienstmitarbeiter, die ein Opfer eines Wohnhausbrandes in Kassel versorgen. Meist werden die Retter zu internistischen Notfällen gerufen, viele Einsätze seien Lappalien. Archivfoto: Malmus / nh

Kassel. Ärztliche Hilfe gibt es ständig und kostenlos. Mit dieser Anspruchshaltung werde häufiger der Rettungsdienst über die 112 gerufen oder der ärztliche Notdienst außerhalb der Arztsprechzeiten, berichtet nicht nur der Vorsitzende des Hartmannbundes in Hessen, der Kasseler Arzt Dr. Ingo Niemetz, sondern auch die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Hessen.

Pressesprecherin Petra Bendrich beschreibt das mit einer „Flatrate-Mentalität“ bei vielen.

Sichtbar werde das an einigen Beispielen. Niemetz kennt Fälle, in denen zum Beispiel ein Patient mit chronischer Blasenentzündung per Rettungsdienst in die Klinik gebracht worden sei. Und er beschreibt, wie ein Anrufer in einer Leitstelle seiner Forderung nach einem Rettungswagen mit dem Drohen eines Anwalts Nachdruck verlieh, bevor er über die Erkrankung des Betroffenen berichtete.

Ähnliche Erfahrungen gebe es im ärztlichen Bereitschaftsdienst, den nicht selten Menschen nutzten, die eine reguläre Arztsprechstunde hätten besuchen können, so Bendrich. Mit Zahlen lasse sich das noch nicht belegen. Denn der Bereitschaftsdienst wurde umgestellt. Aktuelle Zahlen seien nicht mit denen des Vorjahres vergleichbar.

Anders sieht es beim Rettungsdienst aus. In Stadt und Landkreis Kassel veranlasste die Leitstelle im vorigen Jahr 48 056 Rettungswagen-Einsätze, fast zehn Prozent mehr als vor zwei Jahren mit 43 745. Dass darunter keine echten Notfälle waren, zeigt, dass Notärzte nicht häufiger hinzugerufen worden sind. Deren Einsatzzahl liegt im gleichen Zeitraum nahezu konstant bei etwa 10 000. Ärzte beschäftigen diese Patienten dennoch, weil der Rettungsdienst sie dann ins Krankenhaus bringt.

Den Mitarbeitern in den Leitstellen sei kein Vorwurf zu machen, sagte Niemetz. Sie müssten im Zweifel auf Nummer sicher gehen. „Aber jeder Rettungswagen, der wegen einer Lappalie fährt, ist geblockt für einen Schwerkranken.“ Erforderlich sei eine Patientensteuerung. Doch die sehe der Gesetzgeber nicht vor, sagte KV-Sprecherin Bendrich. Deswegen fordert der Hartmannbund eine Notdienstgebühr.

Die AOK sehe keinen Handlungsbedarf, sagte Pressesprecher Riyad Salhi auf Anfrage. Das Sozialgesetzbuch verlange bereits Zuzahlungen im Rettungsdienst. „Der Patient ist somit durchaus finanziell beteiligt“, sagte Salhi.

Und wie die Gebühr im Alltag erhoben werden soll, sei fraglich, sagte Meinhard Johannides, Sprecher des Verbandes der Ersatzkassen (VdEK) in Hessen. Es dürfe nicht sein, dass ein Patient in Not erst behandelt wird, nachdem er bezahlt hat. „Und wir wollen nicht, dass sich wirklich Notleidende durch eine Gebühr abgehalten fühlen, sich helfen zu lassen“, sagte Johannides.

Typischer Notfalleinsatz kostet mehr als 1000 Euro

Seit Jahren steigen die Einsatzzahlen im Rettungsdienst bundesweit. Ein Ende sehen Experten nicht. Über die Gründe gibt es unterschiedliche Meinungen. Die Krankenkassen sehen den demografischen Wandel als eine Ursache. Jürgen Barchfeld, Abteilungsleiter Rettungsdienst bei der Kasseler Berufsfeuerwehr, führt die Folgen der Gesundheitsreform an, wodurch Klinikbetten abgebaut und Liegezeiten verkürzt wurden. Patienten würden schneller entlassen, müssten dann aber schneller wieder vom Rettungsdienst ins Krankenhaus gebracht werden.

Im Rettungsdienstbereich Kassel mit Stadt und Landkreis liegt das Gesamtbudget laut Berufsfeuerwehr bei etwa 20 Millionen Euro pro Jahr. Davon werden 55 Rettungswagen an 18 Standorten sowie fünf Notarzteinsatzfahrzeuge (drei in Kassel und je eines in Hofgeismar und Wolfhagen) finanziert. Nicht mit eingerechnet sind die Kosten für die Leitstelle und den Rettungshubschrauber Christoph 7.

Rückt ein Rettungswagen zu einem Einsatz aus, werden in Stadt und Kreis Kassel 535 Euro fällig. Wird ein Notarzt dazugerufen, kommen 180 Euro für das Einsatzfahrzeug sowie 242 Euro für den Einsatz des Mediziners hinzu. Außerdem wird eine Gebühr von 55,45 Euro für die Arbeit der Leitstelle fällig. Ein Einsatz mit Rettungswagen und Notarzt zum Beispiel bei einem Herzinfarkt kostet insgesamt also 1012,45 Euro. Die Patienten bekommen von diesen Summen in der Regel nichts mit, weil die Krankenkassen direkt mit Rettungsdiensten abrechnen.

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