Täter ist schuldunfähig

„Lassen Sie sich behandeln“: 32-Jähriger muss in Psychiatrie untergebracht werden

Er beging rechtswidrige Taten im Zustand der Schuldunfähigkeit: Der 32-jährige Deutsch-Marokkaner muss in einer psychiatrischen Klinik untergebracht werden. Zeichnung: Reinckens

Kassel. Ein 32-jähriger Mann aus Kassel, der im August eine Ärztin und mehrere Polizisten angegriffen hat, muss in einem psychiatrischen Krankenhaus untergebracht werden, das wurde am Donnerstag vor Gericht entschieden.

„Ich hoffe, dass Sie irgendwann die Einsicht haben, sich behandeln zu lassen. Auch für ihre Familie“, sagte der Vorsitzende Richter Volker Mütze. Doch der Deutsch-Marokkaner, der am 12. August 2016 einen Anwalt und eine Ärztin im Ludwig-Noll-Krankenhaus mit einem Kuli angegriffen und verletzt und bei seiner anschließenden Flucht auf Polizeibeamte losging und ihnen die Waffen entreißen wollte, zeigte auch nach dem Urteil in dem Sicherungsverfahren keine Einsicht. Es sei alles nur „Intrige und Lüge“ gewesen, sagte der Mann, der glaubt, ein Prophet zu sein. „Ich werde alle gläubigen und muslimischen Menschen schützen.“

Der Beschuldigte, bei dem eine paranoide Schizophrenie diagnostiziert worden ist, lebe in einer eigenen Welt und habe religiöse Wahnvorstellungen, die in Gewalt ausarten könnten, sagte der Richter. Das sei eine klassische Folge dieser krankhaften psychischen Störung. Diese Erkrankung ist auch der Grund dafür, dass der Mann im Zustand der „Schuldunfähigkeit“ diese rechtswidrigen Taten im vergangenen Sommer begangen hat.

Die Gutachterin hatte aber nicht nur die psychische Erkrankung, sondern auch eine Cannabis-Abhängigkeit bei dem Mann diagnostiziert. Gekifft hat er wohl auch, bevor es an dem besagten Augusttag eskalierte.

Es sei nicht auszuschließen, dass sich aus dem jahrelangen Drogenkonsum des Mannes seine psychische Krankheit entwickelt habe. Beispiele für solche Entwicklungen gebe es ausreichend, so Mütze. Vor diesem Hintergrund gab der Vorsitzende auch einen allgemeinen Hinweis im Gerichtssaal: „Die Freigabe von Haschisch ist die falsche Entscheidung.“

Der Richter skizzierte kurz den Lebensweg des Mannes, der offenbar eine ganz normale Kindheit bis zum Schulabschluss in Kassel durchlebt hat: Nach dem plötzlichen Tod seines Vaters im Jahr 2006 hatte der Deutsch-Marokkaner dann aber mit dem Konsum von Drogen begonnen, weil er sich offenbar als ältester Sohn in der Rolle als Vater-ersatz überfordert gefühlt hatte. Zwei Ausbildungen brach er ab. 2011 ging es dann wieder aufwärts. Er fand neue Arbeit, die ihm Spaß bereitete. Nach einem Arbeitsunfall 2014 verlor er diesen Job. Folge waren Stress, Schulden und wieder Drogenkonsum. Mitte/Ende 2015 brach dann offenbar die psychische Erkrankung aus. Seine Familie habe ihm helfen wollen, wusste aber nicht, wie, so der Richter. Nachdem der Mann tagelang wirres Zeug vom Propheten, Putin und dem bevorstehenden Weltuntergang geredet hatte und mit einer zerrupften Taube auf der Hand in der Küche seiner Mutter saß, rief eine seiner Schwestern am 12. August 2016 die Polizei.

Gegen das Urteil der Sechsten Strafkammer kann Revision eingelegt werden.

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