Antworten auf die Leserfrage

Unnötiges Betteln oder wunderschöne Tradition: Erinnerungen an den Glowesabend

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Egal ob Plätzchen oder Wurst: Alles kam in einen Beutel. Auch in dieser Hofgeismarer Metzgerei konnten Glöwesse ihre Gedichte aufsagen.

Wir haben euch nach Erinnerungen an eure Glowesabende gefragt – und ihr habt uns mit Geschichten überhäuft. Von Pappmasken, Blutwurst und einem gefürchteten Einbrecher: Das sind die schönsten und überraschendsten Antworten.

Die schönsten Erinnerungen an den Glowesabend? Maria G. kann die Frage nicht verstehen. Auf Facebook antwortet sie: „Ich bin in Hessen aufgewachsen und kenn das überhaupt nicht. Meine Eltern hätten mich auch nie zum ‚Betteln’ losgehen lassen. Find das ehrlich gesagt unnötig.“ Andere Facebook-Nutzer sind empört. „Geht’s noch?“, fragt Nadja R., „Wie bist du denn drauf?“, schimpft Michael G. und Tina B. antwortet: „Das ist kein Betteln, das ist eine Tradition.“ 

Zugegeben, dass Kinder am 6. Dezember fremden Leuten Gedichte aufsagen, um Süßigkeiten geschenkt zu bekommen, könnte Fremde verwirren. Doch in vielen Orten Nordhessens war das Jahrzehnte lang völlig normal: Nicht an Holloween, sondern am Nikolaustag, der hierzulande Glowes-, Glöwes- oder auch Klobesabend genannt wird, verkleideten sich die Kinder und zogen von Haus zu Haus. Dabei konnten sie aussehen wie Nikoläuse, Könige, Landstreicher oder Hexen, in den Händen einen Stoffbeutel und auf dem Kopf eine Maske. Mittlerweile werden es immer weniger Glöwesse, die an den Türen klingeln. „Seit 18 Jahren lebe ich wieder in Frankenberg, kein Glöwes mehr zu sehen. Schade, dass die alten Traditionen in Vergessenheit geraten sind“, sagt etwa Ulrike Ortwein. Von euch wollten wir wissen: Wie war das noch in eurer Kindheit?

„Wir waren immer mit einer ganzen Scharr unterwegs und wurden überall erwartet und gern gesehen“, hat Mike M. auf Facebook geantwortet. Er mochte es, Gedichte wie „Draus vom Walde komm ich her“ auswendig zu lernen, und war ganz nervös, kurz bevor er sie zum ersten Mal vortragen durfte. Es sei das Größte gewesen, sich zu verkleiden „und keiner erkannte uns“, wie Sigrid N. sagt.

Ulrike Ortwein, 69, aus Frankenberg erinnert sich noch gut daran, dass in den frühen 50er-Jahren schon ab Anfang Dezember die Papp-Masken im Schaufenster von Gilberts Magret, einer Buch- und Papierwarenhandlung, auslagen. „Sie waren recht dünn und bei feuchtem Wetter nur eine Saison haltbar.“ Mit einem Hut-Gummi waren sie hinterm Kopf befestigt. Wenn man einen Mantel mit Kapuze trug, schaute nur noch die Maske hervor. „Dazu ein kleiner Beutel, Handschuhe und warme Winterschuhe, man lief ja durch die Kälte.“ Meistens bekam man von den Nachbarn Äpfel und Nüsse, manchmal sogar Weihnachtsplätzchen. „Wir waren selig. Aber die Angst schwang mit, draußen dem echten Nikolaus zu begegnen – und keiner von uns hatte ein reines Gewissen“, erzählt Ortwein.

Monika Marx, 74, war von 1948 bis 1953 im Kasseler Stadtteil Bettenhausen als Glowes unterwegs. „Zuerst ging es in die Bettenhäuser Läden. Beim Bäcker gab es ein kleines Brötchen oder Kekse. Beim Metzger ein Stückchen Blutwurst oder Kochwurst“, erzählt sie. Anschließend klapperten sie Privathäuser ab und bekamen Bonbons, Äpfel und Nüsse. „Alles rein in den Sack. Am Plätzchen und der Wurst hingen zum Schluss auch die Pfennige dran. Alles sah nicht unbedingt appetitlich aus, aber wir freuten uns und es wurde trotzdem gegessen. Wir waren halt nicht schniksch wie der Kasseläner sagt.“ Marx erinnert sich noch gut an ein Jahr, in dem ein Einbrecher namens Renz in Kassel sein Unwesen getrieben hat. Damals sagten die Kinder den Spruch auf: „Ob du mich erkennst, ich bin der Karle Renz, die Polizei erwischt mich nicht, der spuck ich einfach ins Gesicht.“ Man habe ihn später in Kaiserslautern festnehmen können, erzählt Marx.

"Ich hab sogar meine alte Clobesmaske noch!", schreibt Drea Guethe auf Facebook. 

In den 50er-Jahren war auch der langjährige HNA-Redakteur Peter Fritschler, 69, aus Harleshausen unterwegs. Verkleidet war er als Chinese. Damals wurden ihm Plätzchen und Schokolade geschenkt. „Und der Fischhändler in Wehlheiden schmiss dann immer eine Sardine oben drauf.“ 

Im Jahr 1963 bekam Günther Stieglitz in Freudenthal (Schwalm-Eder-Kreis) außerdem Äpfel „und manchmal 50 Pfennig“ geschenkt. 1977 bis 1982 war auch Alexandra Ulloth, heute 47, als Glowes unterwegs. Ausgestattet mit Maske oder Schminke, Kopftuch oder Hut erbeutete sie Bonbons, Mandarinen oder Schokolade. Und auf Facebook schwärmt Ralf S. : „Des wor 'ne schene Kinnerzitt. Wenn mäh do los gemacht hon un alls von Husdäre zu Husdäre gelatscht sinn, dann wurde dr Biedl med Schmeggerwöhlerchen, Bingse, Äppl un Applsien'n alszus schwerer.“

Auch Ilona F. erinnert sich gern zurück. Und ist traurig, dass die alte Tradition mehr und mehr auszusterben scheint. „Ich werde dennoch wieder Süßigkeiten hier haben am 6.12. Obwohl hier seit Jahren kein Kind mehr klingelt. Schade.“

Um die Erinnerung wachzuhalten, haben wir eure schönsten Zitate und lustigsten Glowes-Sprüche gesammelt. Eine Auswahl.

Die schönsten Zitate

„Ich erinnere mich an eine Maske, die wie ein Bär aussah, und dann sind wir von Haustür zu Haustür und von Geschäft zu Geschäft. Im Kodakladen gab es jedes Jahr ein Foto aus der Sofortbildkamera.“ (Silke S.)

„Aufgrund der vielen Süßigkeiten habe ich am Ende des Abends mich fröhlich übergeben“ (Michel B.)

„Es war wunderschön spannend. Wir Kinder hielten zusammen und kein Erwachsener lief als Aufsicht mit.“ (Ulli S.)

„1973 sind wir zweimal gegangen, weil es genau zum Umzug ins neue Haus war: einmal an der alten Wohnung und dann gleich auch beim neuen Haus.“ (Christa F.)

„Junge, das Bild (aus dem Facebook-Post) sieht eher aus wie Halloween, Alter.“ (Hai T.)

„Kochwurst beim Metzger und Brötchen beim Bäcker in Niederkaufungen im Jahre 1954 – da hatten wir echt Hunger.“ (Irmtraud R.)

„Ich habe ein Gedicht aufgesagt. Meine Mama hat es selber gedichtet für uns. Und heute sagen es meine Kinder auf.“ (Nicki B.)

„Selbst genähte Beutel von der Mama, wo alles hineinkam, was man erbeuten konnte, und zum Schluss alles aneinanderklebte oder -hing. Ach, es war einfach nur schön.“ (Heike B.)

„Als 13-Jährige hat meine Freundin und mich der Teufel geritten. Wir verkleideten uns und zogen los. Was wir da zu hören bekamen! „Ihr alten Clöwisse, macht dass ihr wegkommt!“ Eine Frau ging mit dem Besen auf uns los. Unser Beutel blieb leer.“ (Bärbel R.)

„Einmal wurde ich als Bergmann verkleidet mit den Arbeitssachen von meinem Uropa aus der Zeche und mit einem aufgetupftem Bart. Es war herrlich.“ (Bianca K.)

„Als ich nach Südhessen zog, besorgte ich natürlich zu Nikolaus Schnucke für die Kinder. Leider kam niemand, abends erzählte ich das ganz deprimiert meinem südhessischen Mann und seiner Mutter und die schauten mich fragend an, weil sie davon nie was gehört hatten. Bis dato war ich überzeugt, dass es eine deutschlandweite Tradition ist. Nun besorg ich Süßes für Südhessen nur zu Halloween und fahr zum Glowesabend in die schöne Heimat.“ (Evelyn F.)

Die lustigsten Sprüche

Nüsse her, Äppel raus, sonst schlag ich euch ein Loch ins Haus. (Andreas F.)

Hände hoch und keine Mätzchen. Arsch an die Wand und her mit den Plätzchen. (Ralf F.)

Ich bin der Cowboy Jimmy und esse gerne Gummi. Und wenn Sie mir keins geben, dann bring ich Sie ums Leben. (Claudia H.)

Ich bin der Henner Knull, ich hon en scheppes Mull, geh jeden Tach uff de Parade, min Mull is immer noch nit grade. (Peter Fritschler)

Bin der kleine Otto, tippe immer Lotto, tippe immer x , aber gewinnen tu ich nix. (Ute B.)

Ich bin nen armer Sünder, hob 99 Kinder un ne dicke Frau, die schlächt mich blitzeblau. (Kerstin K.)

Bin der Lars, das war's. (Thorben T.)

Bin ein kleiner Bauer, heiße Adenauer, komme us Bonn und will auch was honn. (Gudrun Schwarz)

Von Wilhelm Pippart „Der Brombeermann“:

Am Schwane steht jahrein, jahraus Ein Riese ohne Zagen. Der muss das ganze Schwanenhaus auf seinem Kopfe tragen. Es trägt so schwer, der arme Wicht, die Balken und die Steine, dass feuerrot ist das Gesicht, die Arme und die Beine. Doch kommt der Klowestag herbei, Dann wird der Riese munter. Und springt mit einem Freudenschrei von seinem Platz herunter. Er zieht die Meilenstiefel an mit Riesternn und mit Flicken. Und wirft den Klowessack alsdann auf seinen breiten Rücken. Nun wandert er in dunkler Nacht durch Gassen und durch Stuben. Und gibt gar sorgsam Acht auf Mädchen und auf Buben. Und teilt den Faulen Schläge aus mit Peitschen und mit Ruten, doch streut er Zuckerwerk ins Haus den Fleißigen und Guten. Jetzt schlägt es zwölf, husch – wie der Wind ist plötzlich er verschwunden. Und wieder trägt den Schwan geschwind er wie in frühern Stunden. Er seufzt und denkt: Wie schwer ist doch das Haus mit dreißig Stuben, ach, wäre ich der Klowes noch bei Mädchen und bei Buben! (Ute B.)

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