Statt mit barer Münze wird mit Lebenszeit bezahlt

Ein Leben (fast) ohne Geld: Der Verein Zeitbörse Kassel ist eine Art Tauschbörse

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Solidarität statt Reichtum: Horst Petzel (links) und Klaus Reichenbach, Vorsitzender des Vereins Zeitbörse, tauschen mit ihren Vereinskollegen untereinander Dienstleistungen aus. Statt Geld gibt es Zeit-Schecks. Reich werden kann dabei niemand.

Kassel. Wie wäre es mit Kochen? Oder mit Tapezieren? Oder einer EDV-Beratungsstunde? Sogar eine spritzige Fahrt in einem Rover gibt es im Angebot. Und das alles, ohne einen Cent zu zahlen?

Der Verein Zeitbörse macht es möglich. Seit 1995 bieten sich die Mitglieder gegenseitig Dienstleistungen aller Art an – alles kostenlos. Die einzige Währung, die gilt, ist Lebenszeit. Und die Einheit dafür nennt sich Talent.

Ein Talent, das sind drei Minuten Arbeitszeit, 20 Talente stehen für eine Stunde. Münzen gibt es nicht, lediglich Schecks, auf denen genau vermerkt ist, wie viel Arbeitszeit in eine Tätigkeit – egal welche – investiert wurde.

Ein Leben ohne Geld? „Wir unternehmen tatsächlich den ernsten Versuch, Teile des normalen Lebensalltags ohne Geld zu bewältigen“, sagt Klaus Reichenbach, Vorsitzender der Zeitbörse.

Lebenszeit als Währung

Das klappt gut. Immerhin gibt es den Verein schon bald seit 20 Jahren. 89 Mitglieder zählt er aktuell. Im Jahr 2013 wurden 24 901 Talente umgesetzt, was einer Arbeitszeit von immerhin 1245 Stunden entspricht. Das heißt: Jedes Mitglied hat im Schnitt 14 Stunden für jemand anderen gearbeitet, ohne dafür Geld bekommen zu haben. „Dafür aber eine andere Leistung“, sagt Reichenbach – zum Beispiel eine Hilfe beim Erledigen der Steuererklärung.

„Natürlich“, gibt Reichenbach zu, „reichen 14 Stunden pro Jahr und Mitglied noch lange nicht aus, um ohne Geld auszukommen.“ Aber es ginge um etwas anderes – um eine Idee des Wirtschaftens, bei der Solidarität wichtiger sei als Gewinnmaximierung.

Solidarische Ökonomie

Reichenbach weiß, wovon er redet. Beruflich hat er selbst viele Jahre vom Bund und vom Europäischen Sozialfonds geförderte Programme entwickelt, um Langzeitarbeitslose und Behinderte wieder fit für den Arbeitsmarkt zu machen. „Einfach durch Aktivierung und Tausch“, sagt er.

Er reiste mit seinen Ideen um die Welt und hielt Vorträge zum Thema „Solidarische Ökonomie“. Noch heute kursieren seine Texte in Lateinamerika.

„Kapitalismus hat den Nachteil, dass er auf Konkurrenz setzt, dass er ausbeutet und dass er Reichtümer ungleich verteilt“, sagt Horst Petzel, Reichenbachs Vorstandskollege. Benachteiligte hätten da keine Chance. Erst ein Tauschsystem ohne Geld, in dem jeder Dienstleistung – egal welcher – der gleiche Wert beigemessen werde, eröffne Chancen für Schwache.

Keine Ideologen

Bis heute ist Reichenbach fasziniert von dieser Idee. Seinen Mitstreitern geht es ebenso. Mit Freude beobachtet er, wie inzwischen überall in der Welt ähnliche Projekte aufleben. „Dabei sind wir noch nicht einmal Ideologen“, sagt er, „wir setzen einfach nur andere Prioritäten.“ Geldbesitz zum Beispiel zähle nicht dazu. Recht hat er: Bei der Zeitbörse ist bislang noch niemand reich geworden.

Von Boris Naumann

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