Marie Schüssler wird heute 102 Jahre alt – Ihre Tochter wohnt im selben Heim wie sie

Ein Leben lang vereint

Auch im Alter unzertrennlich: Marie Schüssler (links) feiert heute ihren 102. Geburtstag. Ihre Tochter Waltraud wohnt wie sie im Seniorenheim Lindenberg in Kassel. Schon früher haben die beiden lange Zeit zusammengewohnt. Foto: Auel

Kassel. Warten. Für viele Bewohner von Seniorenheimen heißt es warten und nochmals warten, bis sie ihre Familie in ihrem neuen Zuhause mal besucht. Bei Marie Schüssler ist das anders. Ihre Tochter Waltraud wohnt wie sie in der Seniorenanlage Lindenberg in Kassel. Marie Schüssler wird heute 102 Jahre alt.

Schnuddeln nennen die beiden es, wenn sie sich ein gemütliches Plätzchen suchen und über die alten Zeiten plaudern. Dann wird erzählt, zum Beispiel, wie Waltraud eines Tages von ihrer Arbeit in der Wäscherei nach Hause kam. „Meine Mutter schmiss den Plattenspieler an und dann wurde getanzt“, erzählt Waltraud Schüssler. Sie sitzt auf der Bettkante, ihre Mutter im Rollstuhl neben ihr. Die zwei lächeln, während sie ihre Geschichte erzählen.

Für Tochter eingesetzt

Waltraud Schüssler litt an einer Sprachstörung. Sie sprach ihr erstes Wort, da war sie 20. Fast ihr ganzes Leben wohnte die heute 75-Jährige mit ihrer Familie im Kasseler Stadtteil Rothenditmold und später in Ihringshausen unter einem Dach. Für ihre Schwester und den Vater Fritz war es oftmals schwierig, mit ihrer Beeinträchtigung umzugehen, sagt sie. Marie Schüssler stärkte ihrer Tochter Waltraut den Rücken. Wenn es Streit gab, ergriff sie Partei, warb um Verständnis und Rücksichtnahme.

Damit gab sie ihrer Tochter das, was ihr selbst einst verwehrt blieb. In ihrer eigenen Kindheit war Marie Schüssler auf sich allein gestellt. An ihre Adoptiveltern denkt die zierliche Frau mit der flauschigen weißen Decke über dem Schoß nur mit Gram.

Ausgenutzt hätten sie sie. Das Geld, das sie als kleines Mädchen mit Zeitungsaustragen verdiente, kassierten die Eltern ein. Später habe sie bei einer reichen Dame in Stellung gehen müssen. „Das war eine Hexe“, sagt Marie Schüssler, die Augen weit geöffnet und die Stirn in Falten gelegt.

Doch wie vieles im Leben, so hatte auch das seine guten Seiten. Durch das Zeitungaustragen lernte Marie Schüssler früh das Lesen. Im Deutschunterricht gehörte sie zu den Besten. Die Märchen der Brüder Grimm hatten es der Kasselänerin besonders angetan.

Später, als sie erwachsen war, schnappte sie sich die Bücher und ging ins Kasseler Stadtkrankenhaus. Dem Pflegepersonal des Seniorenheims erzählt sie oft, wie sie den Kindern dort ihre Lieblingsgeschichten vorgelesen hat.

Nach der Hochzeit 1936 ging Marie Schüssler nicht mehr arbeiten. Ihr Mann sorgte gut für sie, ihre Kinder halfen ihr im Haushalt. So hatte sie Zeit für andere Dinge. Liederlernen zum Beispiel. Das Kassel-Lied kann die 102-Jährige heute noch auswendig.

Von Juri Auel

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