Mancher hat mehr als dreckige Wäsche im Gepäck

Leben im Schleudergang: Im Waschsalon sind alle gleich

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Herr über 30 Waschtrommeln: Mario Hauck ist in Waschsalons groß geworden. Seine Eltern haben den Salon an der Weserstraße seit 1983 aufgebaut. Hauck repariert defekte Maschinen und kümmert sich um die Kunden.

Kassel. Ob im Waschsalon an der Wilhelm-Busch-, Weser- oder Friedrich-Ebert-Straße: In Waschsalons treffen sich Menschen aus jeder Schicht. Alle sind aus einem Grund hier: Schmutzige Wäsche waschen. Wir haben in zwei Salons drei Menschen getroffen, die aus ihrem Leben erzählen.

„Lesen Sie, während Sie auf Ihre Wäsche warten“, steht in Rot auf dem braunen Pappkarton geschrieben. In dem Pappkarton im Waschsalon an der Friedrich-Ebert-Straße liegen vor allem Romane. Ein Titel lautet: „Liebe ist anders“. Charles Herron kann kein Deutsch. Er ist Amerikaner. Seine Frau hat Brustkrebs. Für eine spezielle Heilbehandlung sind sie nach Kassel gekommen.

Der 75-Jährige wartet an einem bunten Waschtisch in dem Salon. Die Luft ist kühl. Es riecht nach Waschpulver. Die Unterarme hat der schlaksige Amerikaner auf den Tisch gelegt. Charles Herron ist in sein iPad versunken. „Ich spiele“, sagt er. Auf dem Bildschirm drehen sich kleine Dollarzeichen wie bei einem einarmigen Banditen in Las Vegas. „Wir haben uns gegen eine Chemotherapie entschieden“, sagt er. Für die Krebsbehandlung ist der frühere Fotograf mit seiner Frau nach Deutschland gereist. „Die gibt es in den USA nicht“, sagt er. Mit einer künstlichen Temperaturerhöhung, wie beim Fieber, wollen sie die Krankheit besiegen. Während der 75-Jährige die Wäsche wäscht, ist seine Frau in Behandlung. Wir haben gute Chancen.“ Er blickt auf sein iPad: Die kleinen Dollarzeichen rotieren.

Student Juri auf Spurensuche

Rechts von der Bücherkiste, direkt an der Scheibe des Salons, sitzt Juri André Halliday im Schneidersitz. Er hat sich ein Buch gegriffen und liest. Keinen Roman, sondern ein Sachbuch: „Die Kraft der heilenden Hände“ steht auf dem Titel. Er ist seit längerer Zeit mal wieder hier. Normalerweise hat der 27-jährige Kunststudent seine Wäsche bei der Nachbarin gewaschen. Doch der Wäschepakt zerbrach, „weil sie wegen der Liebe ziemlich überraschend weggezogen ist“, sagt der Kunststudent.

Kam für eine Krebsbehandlung aus den USA.

Er legt das Buch weg. „In meinen Projekten beschäftige ich mich mit Menschen“, sagt der Hamburger, der seit über vier Jahren in Kassel studiert. Die Idee zu seinem aktuellen Vorhaben entstand zufällig: Auf dem Dachboden des Hauses, in dem er eine Wohnung gemietet hat, stolperte er über Bilder, Kleidung und Aufzeichnungen eines Vormieters, der vor Jahrzehnten seine Sachen dort abgestellt hatte. Ihn packte die Neugier. Wer ist dieser Mensch und wie lebt er heute?

Er fand den Wohnort heraus, schrieb ihm Briefe und warf sie in den Postkasten des Mannes. Immer dabei hatte er eine Filmkamera, mit der er sich aufnahm. Die Briefe blieben unbeantwortet. „Ich wollte ihn aber nicht anrufen, sondern die freie Wahl lassen, mit mir zu reden.“ Die Spurensuche sei Teil eines Films geworden. „Der Rest ist verkürzt gesagt eine Art Selbstreflexion über das Leben“, sagt er. Mit dem Video möchte er sich an einer anderen Kunstuniversität bewerben. Das Ziel: Schottland. „Da kommt ein Teil meiner Vorfahren her.“

Mario, Waschsalon-Chef

Wäschepakt mit Nachbarin zerbrach: Jetzt muss Kunststudent Juri André Halliday wieder in den Waschsalon.

Im Waschsalon an der Weserstraße bedient Mario Hauck routiniert einen Kunden, der zum ersten Mal seine Wäsche hier wäscht. Hauck ist 36 Jahre alt und in dem Geschäft mit der sauberen Wäsche aufgewachsen. Seit 1983 betreiben seine Eltern und er inzwischen diesen und weitere Salons in Göttingen. Zum mechanischen Ton der Maschinen dudelt Musik aus den Boxen. Der Automat schluckt den Zehn-Euro-Schein des Kunden und wirft einige Münzen prasselnd aus. Waschpulver rieselt in einen Plastikbehälter. „40 Grad?“, fragt Hauck und hat die Knöpfe schon gedrückt. Warum Waschsalons faszinierend sind? „Weil hier alle gleich sind“, sagt Mario Hauck. „Hier redet jeder mit jedem“, sagt er und lehnt sich an einen Trockner. Schon kommt der nächste Kunde. Hauck hat ihn im Blick: „Was wollen Sie denn waschen?“

Von Max Holscher

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