Wie die Bewohner der alten Kasseler Stadtteile zu ihren Spitznamen kamen (Teil I)

Wo leben Wagenrungen?

Spezialität aus Niederzwehren: Karl-Heinz Siebert von der Fleischerei Kovacs mit „Bratwirschten“ für die Kirmes. Archivfoto: Fischer

Kassel. Am kommenden Wochenende ziehen sie zur Kirmes wieder durch die Gassen des Stadtteils, der Kirmesvater und seine Wehlheider Jungen, eine Wagenrunge in der Hand und rufen laut „Wehlheider Jungen, viel besungen, sind und bleiben Wagenrungen.“ Dank dieses Brauchtums ist der Spitzname „Wagenrungen“ für die Wehlheider wohl der bekannteste in Kassel. Doch auch andere Stadtteile haben ihre Spott- und Necknamen.

Der Spitzname für die Wehlheider geht auf ein Ereignis im 16. Jahrhundert zurück. Zu jener Zeit gab es dort 21 vierspännige und zwei dreispännige Fuhrwerke, mit denen Braunkohle aus dem Habichtswald geholt wurde. Die Wagenrungen waren gewölbte, zirka 1,60 Meter lange Stangen, die auf die Achsen aufgesteckt wurden und die Seitenbretter der Fuhrwerke stützten. Mit einer abmontierten Wagenrunge erhielt, angeblich am Himmelfahrtstag, ein Spaziergänger im Schönfelder Weg so derb einen Schlag auf den Kopf, dass er starb. Daraufhin erließ der königlich-preußische Landrat die Order, dass die Wagenrungen zur Kirmeszeit gepolstert werden müssen. Eine solche gepolsterte Wagenrunge ziert auch das Wappen des Ortsteils.

Der Grund für den Spitznamen der Wolfsangerer ist dagegen ein harmloser. Die Gärtner dort konnten dank der guten Bewässerung durch die am Ortsrand vorbeifließende Fulda, eine Spezialität züchten: Spanisches Lauch (heute Porree genannt), das sie in Beuteln (= Biedel) verkauften.

Wenn sie damit zum Markt kamen, hieß es: „Gugge moh, da kommen de Spanschlauch Biedel.“ Nach diesem Spitznamen hat sich auch die 1959 gegründete Karnevalsgesellschaft in Wolfsanger benannt.

Auch der Spitzname der Niederzwehrener „De Bratwirschte“ (Bratwürste) geht auf eine Spezialität des Stadtteils zurück. Die Metzger dort hatten den Ruf, besonders leckere Bratwürste zuzubereiten, die auch in den zahlreichen Wirtshäusern an der Frankfurter Straße serviert wurden. Hier kehrten die Fuhrleute, bevor sie Kassel Richtung Süden verließen, gerne ein. Auf ihren weiteren Wegen verbreiteten sie die Kunde von den feinen Zwehrener „Bratwirschten“. Überlebt hat der Name bis heute in dem Zwehrener Volksfest „Bratwurstkirmes“.

Ziegenmilch zum Frühstück

Würden die Kirchditmolder heute ein Heimatfest feiern, es würde höchstwahrscheinlich „Ziegenfest“ oder „Zäjenfest“ heißen, nennt man die Einwohner doch „De Zäjenböcke“. Für den Ziegenbock im Wappen gibt es gleich zwei Erklärungen. So soll es in dem ehemals größten Ort im Kasseler Becken, der bis 1333 Diethmelle hieß, einst eine heidnische Kultstätte gegeben haben, an der einer Gottheit Ziegen geopfert wurden. Schlüssige Beweise gibt es dafür nicht. Plausibler klingt da die zweite Erklärung, wonach die Kirchditmolder bis in die 30er-Jahre des vorigen Jahrhunderts in ihren kleinen Fachwerkhäusern Ziegen hielten, die gemolken wurden und deren Milch in Kirchditmold zum Frühstück gehörte.

Im zweiten Teil der Serie erklären wir, warum die Harleshäuser „Ochsen“ und die Bettenhäuser „Sackstopfer“ genannt wurden, warum in Waldau eine Entenkirmes gefeiert wird und was das alles mit „Windbiedeln“ zu tun hat.

Von Wilhelm Ditzel

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