In der Region leben 350 Kinder bei Pflegeeltern – Verein Pfad bietet Austausch für Betroffene

Ein Leben in zwei Familien

Eine Familie: Seit 15 Jahren lebt Christopher Hecht (rechts) bei seinem Pflegevater Armin Raatz in Kassel. Foto:  Meyer

Kassel. Er hat zwei Väter und zwei Mütter. Doch seine Mitschüler in der Grundschule konnte Christopher Hecht damit nicht neidisch machen. Auch er selbst hat lange gebraucht, um zu begreifen, dass die Aufnahme in eine Pflegefamilie für ihn eine große Chance war.

Der 21-jährige Kasseler wurde im Alter von sieben Jahren von den Behörden aus seiner leiblichen Familie genommen. Über die Gründe möchte er lieber nicht sprechen. Das Jugendamt brachte ihn und seine kleine Schwester in ein Kinderschutzhaus.

Dort lernte er im Herbst 1997 Armin und Christiane Raatz kennen. Das Kasseler Ehepaar hatte keine eigenen Kinder und sich entschlossen, ein Pflegekind aufzunehmen. Nach einigen Besuchen im Heim zogen dann Christopher Hecht und seine Schwester bei den Raatz’ ein.

Aus Angst versteckt

„Ich habe mich immer versteckt, wenn Besuch kam“, erzählt der junge Mann. „Entweder bin ich schnell in mein Zimmer gegangen oder habe mich hinter Armin gestellt. Ich hatte Angst, dass jemand kommen würde, der mich wieder mitnimmt.“ Die Angst war nicht unbegründet und ist ein Problem vieler Pflegekinder, bestätigt Pflegevater Raatz. Bevor Christopher Hecht in der Pflegefamilie aufgenommen wurde, hatte er bereits mehrere Aufenthalte im Kinderschutzhaus hinter sich. Als Siebenjähriger konnte er nicht verstehen, warum er nicht mehr bei seinen leiblichen Eltern sein durfte. „Klar wollte ich zurück. Es hat viele Monate gedauert, bis ich gemerkt habe, ich brauch’ das nicht mehr unbedingt“, erzählt Christopher Hecht.

Richtig begriffen hat er seine Situation erst mit Beginn der Pubertät. Dann ist ihm klar geworden, dass ihm das Leben in der Pflegefamilie viele Möglichkeiten eröffnet hat, die er bei seinen leiblichen Eltern nicht gehabt hätte. Heute hat Christopher Hecht zwar regelmäßigen Kontakt zu seinen leiblichen Eltern. Doch der Bezug zu seinen Pflegeeltern sei viel intensiver, erzählt er – auch wenn der 21-Jährige mittlerweile in einer eigenen Wohnung lebt und ab Herbst ein Studium anstrebt. „Wir haben immer versucht, uns nicht als bessere Eltern darzustellen“, sagt Armin Raatz.

Kontakt zu den leiblichen Eltern sei wichtig. Nicht zuletzt müssten diese beispielsweise Unterschriften für Anträge bei Behörden leisten. Auch das Sorgerecht bleibt bei ihnen. „Als ich meinen Führerschein machen wollte, brauchte ich das schriftliche Einverständnis meiner Eltern. Das war schwierig, weil mein Vater da längere Zeit im Ausland war“, erzählt Christopher Hecht.

Geblieben ist ein enges Verhältnis zu seiner Schwester. Gestritten hätten sie sich erstmals als er 11 Jahre alt war. „Man hätte uns damals gar nicht trennen können“, sagt er. „Die Erlebnisse haben uns zusammengeschweißt.“

HINTERGRUND

Von Kathrin Meyer

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