Bilder erinnern an 1980er-Jahre

Lebenskünstler stellt Kalender im Kasseler Stadtmuseum aus

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Ein stolzer Künstler: Jörg Götzfried aus Kassel hat dem Stadtmuseum selbstgezeichnete Kalender für die Sonderausstellung zur Verfügung gestellt.

Kassel. Kalender mit Kasseler Kneipen - die hat Jörg Götzfried in den 1980er-Jahren gezeichnet. Drei Auflagen davon sind bei der Sonderausstellung „Dein Stadtmuseum“ zu sehen.

„Das war schon eine verrückte Zeit“, blickt der heute 66-Jährige zurück. Vermarktet hat er seine Kalender selbst. In der Friedrichstraße fand er eine Druckerei, die ihm „einen guten Preis gemacht“ habe. Netter Nebenaspekt: mit deren Geschäftsführer Klaus Hopfstock, dessen Grafische Werkstatt ihren Sitz mittlerweile in die Yorckstraße in den Stadtteil Unterneustadt verlagert hat, ist er bis heute befreundet.

Die Kalender verkaufte Götzfried von Dezember 1982 bis Anfang Januar 1983 im ABC-Buchladen im Vorderen Westen und persönlich in diversen Kneipen bei einem Glas Wein für zehn Mark. Von 1983 hat er sogar noch ein weiteres Exemplar, von 1985 einige mehr. Zu sehen sind etwa das seinerzeit neu eröffnete Bohemia an der Friedrich-Ebert-Straße und der Ulenspiegel an der Goethestraße. Insgesamt waren es jeweils 500 Stück.

Unverkennbar: So zeichnete Jörg Götzfried das Bohemia für den Kalender 1983. Noch heute ist das eine beliebte Bar auf der Friedrich-Ebert-Straße.

Götzfrieds Lieblingskneipe war das inzwischen geschlossene „Polster“ am Königstor. Gerne machte er in mehreren Cafés und Kneipen entlang der Fulda Halt. Die jeweiligen Stammgäste sind auf seinen Bildern zu sehen. Auf dem Deckblatt der 1983er Auflage sind er selbst, verschiedene Mitbewohner und auch inzwischen verstorbene Weggefährten abgebildet. Detailverliebte finden auf den Bleistiftzeichnungen etliche Anspielungen. Zum Beispiel einen Mann vom Verfassungsschutz. „Als WG wurden wir damals immer kritisch beäugt. Und wir waren immer zu sechst oder siebt in der Bude“, erklärt der Lebenskünstler. Das Haus mit Garten an der Fulda im Stadtteil Unterneustadt hat er übrigens gekauft und lebt weiter darin.

Das dritte Ausstellungsstück ist ein Kalender für 1993 anlässlich der documenta IX. Dieser zeigt auf pfiffige Art einen Stadtplan, in dem die einzelnen Monate wie Treppenstufen integriert wurden. Die weltweit größte Ausstellung zeitgenössischer Kunst hatte für den gebürtigen Marburger stets besondere Anziehungskraft. Neben seiner Arbeit als Schreiner am Staatstheater verkaufte der gelernte Schriftsetzer selbstgezeichnete Postkarten jeweils parallel auf dem Königsplatz. Das führte zu einer witzigen Anekdote. Acht Jahr später ging er in ein Berliner Lokal. Der Wirt hatte eine Deutschlandkarte als Dekoration – und darin Kassel mit einer Stecknadel markiert. Beide kamen ins Gespräch und der Wirt erzählte, er habe bei der documenta Postkarten gekauft. Und zwar alle von Götzfried. „Da war der Nachmittag gelaufen, denn es gab Wein ohne Ende.“

Ein Lied für Unterneustadt

Sich selbst nimmt Jörg Götzfried nicht allzu ernst. „Schön blöd, wenn man sich nicht entscheiden kann“, sagt der vielseitige Künstler mit einem verschmitzten Lächeln. Denn je nach Laune rückte die Malerei in den Hintergrund und der Wahl-Kasseler zog als Musiker durch die Lande. 

Alles fing 1970 mit Pell Mell an. Das war eine aus Marburg stammende Progressive Rock-Band. Sie galt als deutsche Antwort auf die holländische Klassik-Rockband Ekseption und hatte mit einer Coverversion des Titels Moldau (nach „Die Moldau“ von Bedrich Smetana) einen Single-Erfolg. Mit dem E-Bass war Götzfried bis 1975 Teil von Pell Mell. Später zog er mit verschiedenen Musikern durch Spanien. 

Die wilden Zeiten wollen nicht enden: „Ich will weiter meine Jugend genießen“, erklärt der 66-Jährige. Seit 2007 ist er zusammen mit Ehefrau Christine sowie Juri Gretschko, Oli Kirsch, Peter Gössel, George-Edwin Culley jr. und Sascha Koneczny als Dylan’s Dream am Start. Das ist eine Coverband der Lieder von Literaturnobelpreisträger Bob Dylan. Eine ausgezeichnete noch dazu, denn im Dezember 2015 wurde Dylan’s Dream beim Deutschen Rock- und Pop-Preis in Siegen als beste Coverband prämiert. Die undotierte Auszeichnung ist so etwas wie die inoffizielle deutsche Meisterschaft der Musikbranche. Aus Kassel gelang dies zuletzt Gitarrist und Bundesverdienstkreuzträger Thomas „Stolle“ Stolkmann, der mit seiner Combo im Jahr 2000 als beste Funkband triumphierte. 

Damit nicht genug: Bei Stadtteilfesten gehört sein „Unterneustadtlied“ mittlerweile zum guten Ton und klingt laut dem Sänger ein bisschen wie „Penny Lane“ von den Beatles. Hier der Refrain: „Oh Unterneustadt, du Diamant am Ohr von Kassel, du Auster an der Fulle. Ich werde immer nah dir sein. Oh Unterneustadt, da, wo man sich begegnet, wo man schnuddelt auch wenn’s regnet. Oh ja, hier bin ich daheim, ja bin daheim.“

Service

Die Sonderausstellung „Dein Stadtmuseum“ läuft noch bis zum 17. April im Stadtmuseum Kassel am Ständeplatz. Der Eintritt beträgt vier Euro, ermäßigt drei Euro. Bis 18 Jahre ist der Eintritt frei. Öffnungszeiten: Dienstag 10 bis 17 Uhr, Mittwoch 10 bis 20 Uhr, Donnerstag bis Sonntag 10 bis 17 Uhr.

www.stadtmuseum-kassel.info

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