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Lebensraum für Fische statt Wasserautobahn: Wie die Uni Kassel die Diemel auf Vordermann bringt

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Von: Katja Rudolph

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Jens Eligehausen bei einer Fischbestandskontrolle im renaturierten Diemelabschnitt. Dabei trägt er eine sogenannte Polbrille, die die Spiegelungen reduziert und den Blick ins Wasser erleichtert.
Semesterprojekt im Fluss: Jens Eligehausen bei einer Fischbestandskontrolle im renaturierten Diemelabschnitt. Dabei trägt er eine sogenannte Polbrille, die die Spiegelungen reduziert und den Blick ins Wasser erleichtert. © PRIVAT

Universitäre Lehre mit Umwelteffekt: Kasseler Studierende haben in einem Praxissemester einen Abschnitt der Diemel renaturiert. Weitere Projekte sind geplant.

Kassel – Bachforelle, Bachneunauge, Groppe und Elritze: Diese vier Fischarten tummeln sich jetzt wieder in der Diemel nahe Marsberg im Sauerland. Das ist der Universität Kassel zu verdanken. In einem Praxisseminar unter Leitung von Jens Eligehausen sind dort zwei jeweils 100 Meter lange Flussabschnitte renaturiert worden. Vom Entwurf über die Umsetzung bis zur Auswertung waren Studierende daran beteiligt.

Das Projekt an der Diemel ist auch ein Beispiel dafür, was es bringt, der Natur wieder ihren Lauf zu lassen: Innerhalb kurzer Zeit hat sich der renaturierte Flussabschnitt deutlich erholt. Das hat sich unter anderem bei Kontrollbefischungen gezeigt: Wurden im Mai 2021 in dem renaturierten Bereich lediglich zwei Arten und weniger als zehn Fische insgesamt gezählt, waren es im September 2021 bereits drei Arten und 102 Fische. Anfang 2022 wurde die Elritze als vierte Fischart nachgewiesen. Diese für Mittelgebirgsflüsse typische Art fehlte bislang in weiten Teilen der Diemel.

Anspruchsvolle Fischarten fühlen sich wohl in der Diemel

Die neu nachgewiesenen Fischarten stellen hohe Ansprüche an die Wassergüte und Gewässerstruktur, erklärt Lehrbeauftragter Jens Eligehausen, der freiberuflich als Gewässerökologe tätig ist. „Dass sie jetzt in der Diemel wieder einen Lebensraum gefunden haben, spricht für den Erfolg der Maßnahme.“

Der Fluss sei in den betroffenen Bereichen zuvor stark ausgebaut gewesen, sagt Landschaftsplanungs-Student Tom Stahlschmidt: „Wie eine Wasserautobahn.“ Die Strömungsgeschwindigkeit des Wassers war für viele Kleinfische zu hoch. Außerdem fehlten ihnen Versteckmöglichkeiten und Laichhabitate.

In Praxisseminaren hat Eligehausen ab 2020 mit Studierenden der Landschaftsplanung und des Umweltingenieurwesens den Abschnitt der oberen Diemel auf insgesamt 200 Metern wieder in einen natürlichen Zustand zurückversetzt. Dabei wurden unter anderem Uferbefestigungen entfernt sowie Nebengerinne und strömungsberuhigte Flachwasserzonen angelegt oder erweitert. Diese sind wichtig für die Fortpflanzung und als Aufwuchslebensraum für Jungfische, Amphibien und andere Arten.

Studentin Nele Funk hat in ihrer Seminararbeit die sogenannte Gewässerstrukturgüte vor und nach der Renaturierung untersucht. Dabei wies sie nach, dass sich die Naturnähe gemäß dem siebenstufigen Bewertungssystem in den beiden Abschnitten um zwei beziehungsweise drei Klassen verbesserte hat und jetzt nicht mehr als stark verändert gilt, sondern als gering oder mäßig verändert. „Auf den jeweils 100 Metern ist jetzt alles super“, sagt die 22-Jährige, „aber wenn man rauszoomt und einen größeren Abschnitt betrachtet, sieht man, dass noch viel getan werden muss.“

Weitere Renaturierungen geplant

Nicht nur an der Diemel. Dozent Eligehausen möchte gemeinsam mit Kooperationspartnern künftig weitere Renaturierungen umsetzen – nach dem Vorbild der Zusammenarbeit mit dem Planungsnetzwerk für nachhaltige Regionalentwicklung und Wasserverband Diemel in Marsberg. „Unser Projekt hat eindrucksvoll gezeigt, wie praxisnahe Lehre einen Beitrag zum Gewässerschutz leisten kann.“ Im gerade begonnen Semester hat er mit einer Studierendengruppe einen Flussabschnitt der Eder oberhalb des Edersees bei Hatzfeld in den Blick genommen.

Die Studierenden Nele Funk und Tom Stahlschmidt haben von dem Praxissemester profitiert. Nicht nur, dass die Arbeit im Freien und die Experimente am Fluss eine willkommene Abwechslung im pandemiebedingten Online-Studium waren. Sie haben dabei auch die Gewässerökologie als ihr Wunsch-Arbeitsfeld nach dem Abschluss entdeckt. Und sie werfen jetzt einen anderen Blick auf den Bach vor ihrer Haustür in der Nordstadt. Die Ahne sei total verbaut, sagt Funk: „Nur Wasser und Steine. Wenn man da vorbeigeht, weint jedes Mal das Landschaftsplaner-Herz.“ (Katja Rudolph)

Mehr zum Projekt unter: diemel-entfesselt.de

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