Schaustelle des Stadtmuseums zeigt Kassel-Bilder zum documenta-Motiv Zerstörung und Wiederaufbau

Lebenswille zwischen Ruinen

Zerstörung und Wiederaufbau: Vorn ragen verbogene Drähte aus einer Hausruine, dahinter ist der Neubau des Capitol-Kinos an der Wilhelmsstraße gerade fertig geworden. Die Aufnahme entstand 1950. Das nach Plänen von Paul Bode gebaute Kino hatte 1178 Plätze. Fotos:  Stadtmuseum

Kassel. Manchmal sagt ein Foto mehr über das Lebensgefühl der Menschen als ein Regal voller Bücher. Die Kinder, die 1947 im Flüchtlingskindergarten in Lohfelden beim Sackhüpfen ihren Spaß haben (Bild Mitte), stehen für den Überlebenswillen der Nachkriegsjahre. Die Kinder hüpfen in Säcken, in denen Lebensmittel der amerikanischen Hilfsorganisation Care und Cralog in das vom Krieg gezeichnete Deutschland transportiert wurden. Das Foto vom Sackhüpfen ist Teil einer Ausstellung, die in der Schaustelle des Stadtmuseums an der Wilhelmsstraße zu sehen ist.

Zerstörung und Wiederaufbau sind zentrale Themen der aktuellen documenta, die auch Bezüge in die vom Krieg gezeichnete Stadt Kabul (Afghanistan) herstellt. Der Rückblick auf die Dekade zwischen 1945 und 1955 zeigt eine Ruinenstadt, in die das Leben und die Lebensfreude langsam wieder zurückkehren.

Dr. Alexander Link, der stellvertrende Leiter des Stadtmuseums, hat für die Ausstellung Motive ausgesucht, die bislang selten zu sehen waren. Dazu gehört auch der Einsatz von Schauspielern des Staatstheaters beim Trümmerräumen am Ständeplatz 1946. Dazu waren damals alle Kasseler verpflichtet.

Wie sehr sich die Menschen auf einen Kinoabend freuten, ist aus heutiger Sicht kaum noch vorstellbar. Die über 1000 Sitzplätze im Capitol-Kino (Bild oben) an der Wilhelmsstraße waren jedenfalls mehrmals täglich ausverkauft. Als eines der ersten Innenstadtgebäude wurde das im Krieg schwer beschädigte Kino 1949 nach Plänen von Paul Bode neu gebaut.

Ein Stück Zeitgeschichte bildet die Ausstellung auch mit einer Kundgebung vor dem Marstall (Foto unten rechts) ab. Zu der hatten die Gewerkschaften 1948 aufgerufen, die die hohen Lebensmittelpreise nach der Währungsreform 1948 anprangerten. Ein Jahr später entstand ein außergewöhnliches Foto vom Zissel. 1949 nutzten die Besucher die Ruinen an der Oberen Königsstraße als Tribüne (Foto unten links). Von hier aus beobachteten sie den Landfestzug.

Eindrucksvoll ist eine Luftaufnahme vom Friedrichsplatz aus dem Jahr 1955. Wie leer die zerbombte und vom Schutt geräumte Stadt damals noch war. Die Bundesgartenschau und die erste documenta im gleichen Jahr waren kraftvolle Lebenszeichen.

Kassel lebt - trotz alledem. Die Stadt zwischen Zerstörung und Wiederaufbau. Schaustelle des Stadtmuseums, Wilhelmsstraße 2, dienstags bis freitags 12.30 bis 17 Uhr, Eintritt frei.

Von Thomas Siemon

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.