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Lehrer in und um Kassel klagen: Wir sind überlastet

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Von: Christina Hein

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Lehrer in Kassel und Umgebung schlagen Alarm © Julian Stratenschulte/dpa

Lehrer in Kassel und Umgebung schlagen Alarm: Eine große Zahl sei am Limit, heißt es bei der Gewerkschaft. Hier erzählt eine Lehrerin, warum sie an der Situation in der Schule zugrunde geht.

Lehrer unterschiedlicher Schulformen haben jetzt die Notbremse gezogen: Aus Kassel und Umgebung formulierten 30 Schulpersonalversammlungen sowie einzelne Lehrer gegenüber dem Kultusministerium Überlastungsanzeigen und damit ihren Burnout. Insgesamt sind das 500 Lehrer, so Johannes Batton von der Lehrergewerkschaft GEW.

Die Lehrkräfte beklagen eine Zunahme ihrer Aufgaben bei gleichzeitiger Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. Sie müssten Inklusion und die Integration von Migrantenkindern schultern.

Verschärft werde die Belastung durch zunehmende Verhaltensprobleme der Schüler und wenig Unterstützung durch Eltern. Das Arbeitspensum sei angesichts der Aufgabenfülle „nicht mehr in der gebotenen Qualität“ zu schaffen, heißt es von der GEW: „Wir sind überzeugt, dass die Arbeitsbedingungen unsere Gesundheit langfristig schädigen.“ Es gebe kaum noch Lehrer, die die Regelaltersgrenze gesund erreichten. Viele wechselten vorher auf Teilzeitstellen. 

Die Zahl derjenigen, die aus gesundheitlichen Gründen frühzeitig aus dem Dienst scheiden, steigt. Danach sind im Schuljahr 2015 /16 insgesamt 800 und 2016/17 sogar 915 Lehrkräfte in Hessen aufgrund von Burnout und Berufsunfähigkeit vorzeitig in den Ruhestand gegangen. Das ergab eine Studie des Berliner Forschungsinstituts für Bildungs- und Sozialökonomie (Fibs). In den zurückliegenden Jahren habe sich eine Verdopplung ergeben.

Der Soziologe Dr. Frank Mußmann von der Uni Göttingen macht für die Belastung der Lehrer die steigende Zahl an zusätzliche Aufgaben aus. Das sorge dafür, dass die Unterrichtszeit einen schwindenden Teil der Arbeitszeit ausmache. Sie liege bei 30, 40 Prozent.

Auch andere Beamte in Hessen klagen über ihre Arbeitsbedingungen: Hier erzählt ein Polizist in einem Gesprächsprotokoll, wie seine Arbeit läuft.

Lehrerin im Interview

Eine 53-jährige Grundschullehrerin aus dem Landkreis Kassel, Elke Müller (Name geändert), gehört zu denjenigen Lehrerinnen und Lehrern, die jetzt eine Überlastungsanzeige nach Wiesbaden gesendet haben. Wir befragten sie dazu.

Was sind die Gründe dafür, dass Sie sich an ihrer Arbeitsstelle überlastet fühlen?

Elke Müller: Ich möchte mal als Aufhänger das Thema Inklusion nehmen: gemeinsamer Unterricht. Weil ich seit 20 Jahren in Hessen als Grundschullehrerin arbeite, kann ich vergleichen: 1997 nannten wir das noch „gemeinsamer Unterricht“ und es ging um die Integration beeinträchtigter Kinder.

Das war eine Erfahrung, die mich bis heute beeindruckt. Es war gewinnbringend. In den Integrationsklassen (I-Klassen) waren meistens zwei Lehrkräfte gemeinsam vor Ort. Wir hatten je eine Kooperationsstunde für die Förderschul- und die Regelschullehrkraft. Wir wurden vom Schulamt mit Fortbildungen unterstützt, hatten Zeit, uns gegenseitig in den I-Klassen zu besuchen, wir waren engagiert und organisierten selber Fortbildungen.

Die I-Klassen waren auf 20 Schüler beschränkt. Ich erinnere mich an meine Klasse mit zwei geistig schwer beeinträchtigten Kindern. Das war eine Herausforderung, wir mussten uns viel absprechen.

Das Beste: Es war ein Gewinn für die gesamte Klasse. Wir mussten damals schon gegen Widerstände, auch der Eltern, ankämpfen, die glaubten, ihre Kinder würden nicht genug lernen. Das Gegenteil war der Fall, und am Ende waren alle hoch zufrieden.

Und heute, da inklusive Bildung rechtlich festgeschrieben und kein Experiment mehr ist?

Müller: ... gibt es vieles davon nicht mehr.

Ich habe den dramatischen Abbau der Ressourcen hautnah miterlebt. Als Erstes fiel die Kooperationsstunde weg. Dann wurde die Doppelbesetzung, die sogenannte Doppelsteckung, gekürzt. Die Höchstschülerzahl beträgt nun in den Grundschulen in allen Klassen 25. Manchmal sind es 26, wenn ein Kind im Schuljahr zuzieht.

Die Zuweisung der sonderpädagogischen Ressource ist für mich nicht transparent gestaltet. Nach meinen Erfahrungen kommen für den inklusiven Unterricht maximal vier Stunden pro Woche beim Kind an.

Und dann werden die Schulen angehalten, „kreative Lösungen“ zu finden. Ich kann das nicht mehr hören. Die Ressourcen reichen nicht aus, und dieser Mangel ist nicht mehr durch „kreative Lösungen“ vor Ort aufzufangen.

Ich brenne nach wie vor für inklusive Schule, aber ich gehe an meinem Anspruch und der Realität zugrunde. Die meisten von uns sind sehr engagiert, aber gleichzeitig stark belastet. Nicht nur durch die Inklusion.

Was ist sonst so belastend?

Müller: Bei mir sind das weniger Arbeitsbedingungen wie der hohe Geräuschpegel. Dies ist natürlich auch anstrengend, für mich aber nicht der Hauptgrund für Überlastung.

Ich habe einen Anspruch, wie ich Unterricht gestalte. Wenn ich ständig an Grenzen stoße und sehe: Schule tut nicht mehr allen Kindern gut, weil Ressourcen fehlen und ich nicht jedem Kind gerecht werden kann, belastet mich das psychisch.

Auch was Schulentwicklung betrifft. Wir kommen einfach nicht mehr voran. Uns fehlt die Zeit, wichtige Schwerpunkte der Schulentwicklung zu diskutieren.

Ich liebe meinen Beruf, und ich möchte ihn auch gern bis zum Erreichen der Altersgrenze ausführen, aber so kann ich nicht mehr weiterarbeiten. Ich habe ständig das Gefühl, nicht fertig zu werden. Es gibt kaum ein Wochenende, an dem ich nicht zu Hause arbeite, obwohl meine Unterrichtsverpflichtung gleich geblieben ist. Der Unterricht macht aber nur noch einen geringen Anteil der gesamten Arbeitszeit aus, ein Drittel vielleicht.

Verwaltung und alle an die Grundschule gestellten Aufgaben sind wichtig, aber dafür muss es Ressourcen geben. Ich erlebe an meiner Schule, dass Lehrkräfte vorzeitig, also vor Erreichen der Altersgrenze, in den Ruhestand gehen, weil sie den Belastungen nicht mehr standhalten oder erkranken.

Was ist mit der Belastung durch Kinder, die kein Deutsch sprechen, etwa Geflüchtete?

Müller: Der Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund in den Klassen ist hoch. Aber auch und vor allem diese Kinder haben ein Recht darauf, ausreichend individuell gefördert zu werden. Ich arbeite gerne mit einem breiten Spektrum an Kindern.

Es gibt in den Klassen Zuweisungen an Daz- (Deutsch als Zweitsprache) und NDHS-Lehrern für Kinder nicht deutscher Herkunftssprache. Aber die Zuweisungen sind viel zu gering. Hinzu kommt der allgemeine Lehrkräftemangel. An unserer Schule arbeiten Kollegen, die haben keine oder keine abgeschlossene Lehrerausbildung. Das sind Studierende oder Menschen, die das Lehramtsstudium manchmal vor dem ersten Staatsexamen beendet haben. Diese Kollegen werden dann nach Möglichkeit nicht als Klassenlehrer eingesetzt, aber sie unterrichten, obwohl sie für eine qualifizierte Arbeit einfach nicht ausgebildet sind.

Wie äußert sich das?

Müller: Dann kriegen die Schüler im Unterricht ein Arbeitsblatt vorgelegt, und gut ist. Aber Kinder haben ein Recht auf guten Unterricht. Da wird der Keim gelegt für eine gelingende Biografie.

Wir haben zwei längerfristig erkrankte Kollegen. Einen von beiden kann man nicht mehr durch Lehrauftrag ersetzen: Es gibt auf dem Markt keine Kraft mehr.

Immer mehr auch junge Kolleginnen stoßen an ihre Grenzen, sind überlastet, psychisch und physisch angeschlagen. Darüber sprechen sie auch im Lehrerzimmer.

Ich habe mir nie vorstellen können, dass ich einmal meinen Beruf nicht mehr schaffe, dass ich sage: Ich kann nicht mehr. Ich sehe mich als sehr belastbar. Aber auch bei mir nehme ich erste Anzeichen wahr, ausgebrannt zu sein.

Wie ist das mit verhaltensauffälligen Kindern und der von vielen Lehrern beklagten mangelnden Unterstützung durch die Eltern?

Müller: Das sind in der Tat zwei Bereiche, die sehr belastend geworden sind.

Wir stellend zunehmend starke Verhaltensauffälligkeiten wie Aufmerksamkeitsdefizite bei den Schülern fest. Hinzu kommt, dass manche Eltern gegen uns und nicht mit uns arbeiten. Das hat deutlich zugenommen. Eltern haben weniger Vertrauen in unsere Arbeit. Es kommt häufig vor, dass gegen Entscheidungen und Ordnungsmaßnahmen vonseiten der Lehrer Widerspruch eingelegt wird. Und zwar gleich juristisch.

Können Sie Beispiele nennen?

Müller: Kürzlich waren Eltern mit dem vom Jugendamt gestellten Teilhabe-Assistenten für ihr Kind nicht einverstanden und haben sofort einen Anwalt eingeschaltet. Ebenso bei einer Ordnungsmaßnahme, dem Ausschluss eines Schülers von einer Klassenfahrt.

Das betrifft Lehrer aller Schulformen. Deshalb müssen alle Akten und Anordnungen juristisch wasserdicht sein. Da geht viel Zeit drauf.

Zusätzlich bekommen wir Druck von oben. Der Großteil von uns arbeitet engagiert. Wir sind keine Jammerer. Es ist aber eine Tatsache, dass viele Kollegen Teilzeit arbeiten und auf Pension verzichten, weil sie eine volle Stelle einfach nicht mehr schaffen.

Das Vor- und Nachbereiten des Unterrichts – unser Kerngeschäft – ist nicht mehr ausreichend möglich. Das führt nach meiner Einschätzung zu Abstrichen an Unterrichtsqualität.

Das Gefühl des dauernden Versagens und des Nicht-mehr-alles-schaffen-Könnens kann auf Dauer krank machen. Deshalb brauchen wir dringend Ressourcen für zusätzliche Aufgaben und eine Verringerung der Pflichtstundenzahl für Lehrkräfte. Ich finde es unsäglich, dass diese Probleme nicht ernst genommen werden, sondern nur Druck weitergegeben wird.

Das sagt das Hessische Kultusministerium

Philipp Bender, Sprecher des Hessischen Kultusministeriums
Philipp Bender, Sprecher des Hessischen Kultusministeriums

„Wir nehmen die Überlastungsanzeigen der Lehrer ernst“, sagt Philipp Bender, Sprecher des Hessischen Kultusministeriums: „Wenn Missstände aufgezeigt werden, versuchen wir sie abzustellen.“ Die Belastungen seien hoch, „keine Frage“, räumt er ein. Allerdings unternehme das Kulturministerium eine Menge, um Lehrer zu entlasten. Weil die Aufgaben für Schulen in den vergangenen Jahren auf vielfältige Weise gewachsen seien, habe das Land zur unmittelbaren Entlastung im Unterricht in den zurückliegenden vier Jahren bereits mehr als 4350 neue Stellen geschaffen, darunter erstmals 700 Stellen für sozialpädagogische Fachkräfte. 

Neu seien jetzt zwei Pilot-Projekte in Fulda und im Main-Kinzig-Kreis für eine zusätzliche personelle Unterstützung in den Schulen. Kern des Projekts ist eine Aufstockung der Arbeitszeiten der Schulsekretärinnen, die Tätigkeiten beziehungsweise Aufgaben von der Schulleitung übertragen bekommen. Die zusätzlichen Stunden werden durch Mittel des Landes finanziert. Auch dem Wunsch aus den Schulen nach mehr Schulpsychologen sei nachgekommen worden. Bender: „Den Bereich haben wir massiv ausgebaut. Wie wollen keine Lobhudelei, aber wenigstens Anerkennung.“ Alle Schulen, deren Personalversammlungen Anzeigen aufgegeben hätten – nach seiner Angaben in Nordhessen 24 – bekommen eine Antwort und Besuch von einem Vertreter des Staatlichen Schulamts, so Bender. Aber es sollten keine pauschale Klagen sein, sondern die Probleme sollten benannt sein. Es gebe Schulen, die schon zurückruderten. Man müsse bedenken: Wir befinden uns im Wahlkampf und der Protest sei von der GEW gesteuert. „Im Kern haben wir alle ein Ziel, das, Lehrer zu entlasten.“

Hintergrund: Anzeigen, um auf Arbeitsüberlastung hinzuweisen

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Johannes Batton vom GEW-Bezirksvorstand Nordhessen

Überlastungsanzeigen sind schriftliche Hinweise an den Arbeitgeber, dass die ordnungsgemäße Erfüllung der Arbeitsleistung gefährdet ist und Schäden zu befürchten sind. Die Anzeigensteller berufen sich auf das Arbeitsschutzgesetz. Das Kultusministerium bewertet die Anzeigen jedoch nicht als Überlastungsanzeigen im arbeitsrechtlichen Sinne, weil bestimmte Kriterien des Arbeitsschutzgesetzes nicht erfüllt seien. Es behandelt sie als „Eingaben“, so Johannes Batton vom Vorstand des GEW-Bezirksverbands Nordhessen. Für die GEW sei die Bezeichnung durch das Ministerium jedoch zweitrangig. Wichtig sei, dass Überlastungsanzeigen ein praktikables Instrument darstellen, um auf die eigene Arbeitsüberlastung hinzuweisen, so Johannes Batton. Nach Auskunft des Kultusministers auf eine Landtagsanfrage der SPD wurden im Schuljahr 2017/2018 hessenweit 95 als Überlastungsanzeigen gekennzeichnete Eingaben aus den Personalversammlungen aus allen Schulformen gestellt.

Zu den im Text verwendeten Begriffen, bzw Abkürzungen: Mit Daz wird das Fach Deutsch als Zweitsprache bezeichnet, NDHS bedeutet: nicht deutscher Herkunftssprache. Ein Teilhabe-Assistent begleitet ein beinträchtigtes Kind im Schulalltag, unterstützt bei Individuellen Bedürfnissen und dass es im allgemeinen Schulsystem mitkommt. Doppelsteckung bedeutet: Im inklusiven Unterricht sind zwei Lehrer anwesend, einer davon sollte ein Förderschullehrer sein.

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