Ein Pädagoge an der Freien Waldorfschule Kassel hat sich für die Züchtigung eines Elfjährigen entschuldigt

Waldorfschule: Lehrer ohrfeigt Schüler - Entschuldigung und Abmahnung

Kassel. Schockierende Nachricht aus einer Kasseler Privatschule: „Ein Klassenlehrer der Waldorfschule hat einen seiner elfjährigen Schüler geohrfeigt“, berichtete kürzlich die Mutter eines Mitschülers der HNA.

Die Kinder der fünften Klasse seien verstört und wüssten nicht wie sie auf das Verhalten ihres Klassenlehrers reagieren sollen, sagte die Mutter.

Nach Darstellung der Frau sei das Kind, weil es ungehorsam war, zum Lehrer gerufen worden, der es dann vor der Klasse geohrfeigt habe.

Auf HNA-Anfrage bestätigte die Schulleitung: „Ja, es ist passiert.“ Man bedauere den Vorfall zutiefst, sagt Sven Tegner, Mitglied der Schulleitung und Geschäftsführer des Vereins Waldorfschule, der Schulträger ist. Der Lehrer habe inzwischen bei den Kindern, vor allem aber bei dem geohrfeigten Jungen und seinen Eltern, um Entschuldigung gebeten.

„Schlimme Sache“

Als „schlimme Sache“ bezeichnet der betroffene Lehrer seinen Ausrutscher selbst. Er sei möglicherweise aufgrund einer zurückliegenden Erkrankung überanstrengt gewesen, sagt er. Das sei eine Erklärung für sein Fehlverhalten, aber natürlich keine Entschuldigung. Er habe sofort um Entschuldigung gebeten und sei froh, dass die Familie des Jungen diese angenommen habe.

Eigentlich habe er stets ein gutes Verhältnis zu dem Schüler gehabt, sagt der 63-Jährige, den seine Kollegen als „erfahrenen und verdienten Lehrer“ bezeichnen. Sichtbar zerknirscht sagt er: „Ich hatte mich innerlich bereits auf meine Frühpensionierung eingestellt.“

Doch die Schulleitung hat anders entschieden. Er soll auch weiterhin an der Waldorfschule unterrichten. Selbstverständlich gebe es einen Eintrag in die Personalakte, sagte Dr. Wolfgang Rau, ein Kollege und Vertreter der Schulleitung. Es handele sich „eindeutig um eine Züchtigung“ und das widerspreche dem Geist der Waldorfschulen, die 1919 für sich festgelegt haben, auf körperliche Gewalt ausnahmslos zu verzichten. Gerade deshalb, so Rau, nehme man den Vorfall „sehr ernst“.

Die Schulleitung habe eine Abmahnung ausgesprochen und in die Personalakte aufgenommen. Einen Tag nach dem Vorfall sei die Klassenkonferenz informiert worden. „Bei der Gesamtkonferenz in derselben Woche ist das Gesamtkollegium über den Vorfall informiert worden“, sagt Waldorfschullehrer Florian Stille.

Inzwischen gab es auch einen Elternabend zu dem Vorfall, bei dem sich der Lehrer mit den Eltern der Klasse auseinandersetzen musste. Wenn die Eltern mehr Aussprache wünschen, bestellen wir auch einen externen Moderator“, sagt Rau.

In den 70er-Jahren habe man sich an der Kasseler Waldorfschule von einem Kollegen getrennt, weil er körperlich gezüchtigt hatte.

Schüler, Eltern und Lehrer bildeten traditionell ein „starkes Dreieck“, sagt Stille. Vertrauen sei die Grundlage der pädagogischen Arbeit an der Waldorfschule, wo man über ein dichtes Netz an Vertrauenseltern verfüge. Das Vertrauen zurückzugewinnen, sei jetzt oberstes Ziel.

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