Selbst mit guten Noten gibt es keine Lehrstelle

Herkunft entscheidet über Berufschancen: Migranten werden benachteiligt

Kassel. Jugendliche mit Migrationshintergrund haben schlechtere Chancen auf einen Ausbildungsplatz als deutsche – selbst, wenn sie bessere Noten haben und geeigneter erscheinen.

Das ist das Ergebnis einer aktuellen Studie der Bertelsmann-Stiftung. Die kommt zu dem Schluss, dass 60 Prozent der Ausbildungsbetriebe keine Migranten nehmen. Hauptgründe: fehlende Bewerbungen, Sprachbarrieren und kulturelle Unterschiede. Schlechtere Leistungen fürchten dagegen nur neun Prozent der Befragten.

Auch in der Region kommt es nach den Erfahrungen von Kammern und der Kasseler Arbeitsagentur immer wieder vor, dass junge Migranten offensichtlich ihrer Herkunft wegen keine Lehrstelle bekommen. Ein aktueller Fall ist der des afghanischen Kriegsflüchtlings Ahmed S. (Name von der Redaktion geändert). Obwohl er im Sommer einen Realschulabschluss mit Zweierschnitt in der Tasche haben wird, eine Reihe von erfolgreichen Praktika in zum Teil namhaften Firmen absolviert hat, sehr gut Deutsch spricht und gute Umgangsformen hat, findet der 17-jährige Halbwaise, der vor drei Jahren allein nach Deutschland kam, keine Lehrstelle.

Detlev Friderici und Günter Kühn vom Kasseler Senior Experten Service (SES) unterstützen den 17-Jährigen. Die beiden gut vernetzten, pensionierten Entscheider versuchen seit Monaten, dem jungen Mann zu einer Lehrstelle zu verhelfen. „Es ist wie verhext. Niemand will ihm eine Chance geben. Trotz 20 Bewerbungen ist es bislang zu keinem einzigen Vorstellungsgespräch gekommen“, sagt der Vertriebsexperte Friderici.

Die Handwerkskammer Kassel kennt das Problem. Deren Präsident Heinrich Gringel bittet seine Kollegen eindringlich, „diesen Menschen eine Chance zu geben. Sie werden dankbare Mitarbeiter.“ Auch die Agentur für Arbeit stellt regelmäßig Vorbehalte von Ausbildungsbetrieben gegenüber Ausländern fest.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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