Schallplatte erlebt seit Jahren Renaissance - Besuch im Abbey Road am Entenanger

Leidenschaft aus Vinyl

Vinyl ist seine Leidenschaft: Seit neun Jahren verkauft Andreas Dziwisch Schallplatten am Entenanger. Foto: Holscher

Kassel. Während die Kassette zu ihrem 50. Geburtstag in diesem Jahr einen trostlosen Niedergang erlebt, erfährt ein noch älterer Tonträger einen Wiederaufstieg: Die Schallplatte. So auch im Kasseler Laden „Abbey Road“ am Entenanger.

Aus dem Schaufenster schaut eine Donald-Duck-Figur mit runder Sonnenbrille auf den nassen, dunklen Bürgersteig. Im Laden scheint warmes Licht. Zwischen die Jazz-Musik mischt sich immer wieder ein Geräusch: Schallplatten werden aus eng gesteckten Kisten gezogen.

Hinter einem Tresen, gebaut aus hunderten CDs, sitzt Andreas Dziwisch. Seit neun Jahren verkauft er hier Tonträger, vor allem aus Vinyl – hauptsächlich Rock, Jazz und Klassik. Hobby, Leidenschaft oder Krankheit? Andreas Dziwisch kann sich das Grinsen nicht verkneifen. „Die Leidenschaft kann schon mal ausufern“, sagt der 53-Jährige. „Aber ich verkaufe jede meiner 20 000 Platten gerne“.

Der gute Klang ist es, der der Schallplatte zur einer Renaissance verhilft und den Händlern ein besseres Geschäft als noch vor Jahren beschert. „Als ich hier anfing, dachte ich, Vinyl ist nur was für alte Männer.“ Doch die Jüngeren entdecken immer mehr die Vorteile. Es sei nicht nur das Anfassen der Hülle und Schallplatte, das Auflegen, sondern der bessere Sound. „Und vor allem nicht das Knacken, wenn es knackt, ist die Platte beschädigt.“ Er höre es nicht so gerne, wenn die Leute das als Besonderheit der Platte herausstellten.

Das Faible für die Scheiben begann unspektakulär. Als 15-Jähriger ging er in einen Laden. Ihm gefiel das Cover, der Verkäufer empfahl die Musik. „Remember the Future von Nektar, super Song, höre ich heute noch zu Hause.“ Dort sind die Scheiben mit seiner Lieblingsmusik von Iggy Popp, David Bowie und Frank Zappa ebenfalls bestimmendes Element. „Meine Frau hat nichts dagegen“, sagt der Vater von fünf erwachsenen Kindern.

„Wenn es knackt, ist die Platte beschädigt.“

Andreas Dziwisch

Bis er seinen An- und Verkaufladen eröffnete, war er mobil unterwegs. Mit seinem Mercedes-Kleintransporter, der 300 000 Kilometer auf der Uhr hatte, fuhr er 15 Jahre zu Universitäten und kleinen Messen. Er selbst hat auch mal „rumstudiert“, es dann aber sein lassen. Jetzt steht der in Frankfurt aufgewachsene Andreas Dziwisch von Donnerstag bis Samstag in seinem Laden, berät und verkauft. Kann man davon leben? „Zu Anfang war es schwer“, erklärt der 53-Jährige. Doch inzwischen ginge es ganz gut. Sechs Euro kostet eine Platte durchschnittlich.

„Haben sie von The Righteous Brothers den Song Unchained Melody?“, fragt Christine Wicke. Die 16-Jährige kauft häufiger Platten. Andreas Dziwisch zieht eine Hülle aus einer Kiste, nimmt die Platte heraus und lässt sie in seinen Händen einmal rotieren. „Die ist in einem guten Zustand.“ Christine kauft. Musik vom Ipod sei doch nichts besonderes“, sagt sie. Der Unterschied? „Ich mag den Klang – und das Knacken.“

Von Max Holscher

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