Von Familienleben und Abstiegsfrust

Volles Haus bei Heimspiel-Lesung der Kasseler Wochenendrebellen

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Auf Vereinsschals gebettet: Mirco von Juterczenka und sein Sohn Jason richteten sich bei ihrer Lesung in Kirchditmold dem Fußballmotto ihres Buches getreu ein. 

Kassel. Der Kasseler Mirco von Juterczenka hat gemeinsam mit seinem Sohn Jason das Buch "Wir Wochenendrebellen" geschrieben. Es handelt von Familie, Erziehung, Jasons Autismus und ganz nebenbei auch von Fußball. Am Sonntag lasen die Autoren vor voller Hütte in Kirchditmold.

Jason von Juterczenka (12) ist Fußball-Fan und Asperger-Autist, sein Vater Mirco (40) reist mit ihm durch Stadien in Deutschland und Europa. Die Erlebnisse – und was Jasons Autismus für das Familienleben der von Juterczenkas bedeutet – hat Mirco in dem Buch „Wir Wochenendrebellen“ aufgeschrieben. Inzwischen sind sogar die Filmrechte an dem Stoff verkauft. Derzeit sind Vater und Sohn gemeinsam auf Lesereise. Am Sonntag luden sie zum Heimspiel in die mit 70 Besuchern bis auf den letzten Stehplatz voll besetzte Bücherei Kirchditmold.

Jason von Juterczenka bei der Lesung in der Bücherei Kirchditmold.

Anpfiff: Jason liest das von ihm verfasste Vorwort. Er spricht über Fußball, seine Behinderung und Schwierigkeiten im Umgang mit Gleichaltrigen. All das trägt er in einem gleichbleibend sachlichen Ton vor. Ebenso trocken erzählt er, wie er im Dortmunder Westfalenstadion einmal stundenlang eine Mauer statt das Spiel angeschaut hat, weil ihm der Spielstand nicht passte. Gelächter in der Bücherei. Ob so etwas nun witzig sei oder nicht, liege im Auge des Betrachters, sagt Jason.

1. Halbzeit: Mirco liest ein sehr persönliches Kapitel über „die beiden Frauen, die sicherstellen, dass unser Alltag funktioniert“. Gemeint sind seine Frau Fatime und Tochter Leona (6). Das Kapitel heißt „Abwehrchefin und Dribbelkönigin“.

Fatime wird nach der Lesung sagen, dass dieser Teil der Geschichte notwendig für die Zuhörer sei, um zu verstehen, was ein Alltag mit Autismus bedeutet. Tatsächlich legt sich eine gespannte Ergriffenheit über das Publikum, als Mirco von Fatime als „die beste Frau der Welt“ und sein „Moralbarometer“ spricht, und als er schildert, wie er die Beziehung zu seiner Tochter jahrelang verschlafen habe und dass er seine Frau im Familien-Management viel zu lange viel zu wenig unterstützt habe. Jason folgt alldem aufmerksam, aber mit nicht zu deutender Miene.

Mirco von Juterczenka bei der Lesung in der Bücherei Kirchditmold.

2. Halbzeit: Jetzt geht’s um Fußball. Mirco liest ein Kapitel über ein Spiel zwischen der TSG Hoffenheim, der er zwar eine „attraktive Spielweise“ bescheinigen muss, aber von tiefstem Herzen Insolvenz und Abstieg wünscht, und seiner Fortuna aus Düsseldorf. Hoffenheim sollte das Spiel 2:0 gewinnen, Düsseldorf am Ende der Saison absteigen.

Als Mirco von seinen unerfüllten Wünschen erzählt, fortan mit Jason als „Fortuna-Rebellen“ zu den Spielen zu fahren, bringt er nicht nur das Publikum zum Lachen. Zum ersten Mal an diesem Abend huscht auch Jason ein Lächeln übers Gesicht.

Nachspielzeit: Bereits in der Pause gab es einen Ansturm auf die Bücher. Diese lassen sich die Besucher nach der knapp zweistündigen Lesung inklusive Fragerunde nun von den Autoren signieren. Auch dabei bleibt Jason gelassen. Denn: „Bei Lesungen ist es ja nicht ungewöhnlich, dass die Leute Autogramme wollen.“ An Selbstbewusstsein mangelt es dem Zwölfjährigen nicht.

Bei ihren kostenlosen Lesungen sammeln Mirco und Jason spenden für die Neven Subotic Stiftung. Am Sonntag wurde mit 540 Euro ein neuer Spendenrekord der Lesereise erzielt. Die nächste Lesung in Kassel findet am 28. Februar ab 20.15 Uhr bei Thalia in der Oberen Königsstraße statt. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich.

Mehr von Jason und Mirco gibt es unter www.wochenendrebell.de

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