EU will Einwegprodukte verbieten

Der letzte Strohhalm? Wie kommt ein Plastik-Verbot in Kassel an?

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Alternative: HNA-Praktikantin Louisa Friedrich testet Trinkhalme aus Papier. Diese sind zwar umweltfreundlich, allerdings auch deutlich teurer als Trinkhalme aus Plastik.

Kassel. Die EU will einige Wegwerfprodukte verbieten. Wir haben uns in Kassel umgehört – in Supermärkten, bei Gastronomen, an der Uni, auf der Straße: Was denken die Kasseler über ein Plastikverbot?

Dass ein Großteil des Plastikmülls nicht wiederverwertet, sondern auf Müllkippen und vor allem in der Umwelt landet, ist nicht wirklich neu. Obwohl das Problem bekannt ist, treibt im Pazifik ein Müllstrudel, der viermal so groß ist wie Deutschland. Fast 90 Prozent des Mülls an europäischen Stränden ist nach EU-Angaben Plastik, die Hälfte davon Wegwerfprodukte wie Strohhalme, Einweggeschirr, Wattestäbchen.

Solche Produkte will die EU-Kommission nun verbieten lassen. Kompostierbare Alternativen sollen her. Wir haben uns in Kassel umgehört – in Supermärkten, bei Gastronomen, an der Uni, auf der Straße: Was denken die Kasseler über das Plastikverbot? Krempeln die Supermärkte ihr Sortiment bereits um? Und bringt das überhaupt etwas?

Die Supermärkte: Alternativen sind rar gesät und teuer

Einen Wocheneinkauf in einem konventionellen Supermarkt komplett ohne Kunststoff zu tätigen, ist fast unmöglich. So gut wie alles ist in Plastik verpackt. Aber wie sieht es angesichts eines drohenden Verbotes für Einwegartikel aus Plastik im Sortiment verschiedener Kasseler Supermärkte aus? Stehen heute bereits Alternativen zu Strohhalmen, Einweggeschirr und Wattestäbchen aus Plastik in den Regalen?

Wir haben uns bei Real im Stadtteil Wesertor, bei Galeria Kaufhof in der Königsstraße, bei Edeka Aschoff an der Frankfurter Straße sowie in verschiedenen Drogerie- und Dekoläden umgeschaut.

  • Strohhalme: In den großen Märkten sind Trinkhalme aus Bambus, Papier oder Stroh weitestgehend Fehlanzeige. Eine Alternative zu Plastik gibt es weder bei Real noch bei Kaufhof oder Edeka. Dafür werden wir in dem Dekoartikelladen Depot in der Innenstadt fündig. Dort gibt es Trinkhalme aus Papier – 25 Stück für 1,99 Euro. Plastikhalme stehen überhaupt nicht mehr im Regal. Einziger Haken: Die Papierhalme sind in Plastik verpackt. Und: Bei 0,99 Euro für 100 Strohhalme aus Plastik in den großen Märkten ist die Papieralternative recht teuer.
  • Einweggeschirr: Auch bei Einweggeschirr, das nicht aus Plastik ist, ist die Auswahl überschaubar. Kaufhof bietet 25 kompostierbare Einwegteller aus Pappe für 3,49 Euro an (Alternative: 20 Teller aus beschichteter Pappe für 3,29 Euro). Aber: Auch die Pappteller sind wie die Trinkhalme bei Depot in Plastik verpackt. Apropos Depot: Hier gibt es noch Teller aus Pappelholz. Die sind zwar groß und tief genug, um etwa Eintopf daraus zu essen, mit 4,99 Euro für sechs Einwegteller aber auch sehr hochpreisig.
  • Wattestäbchen: Im Drogeriemarkt dm gibt es 200 Wattestäbchen der Eigenmarke mit Papierschaft für 0,95 Euro. Die Biostäbchen sind sogar in Pappe verpackt. Die Plastikvariante der Eigenmarke – ebenfalls 200 Stäbchen – kostet 0,35 Euro.

Ähnlich sieht es bei der Drogeriekette Rossmann aus: Hier kosten 200 Plastikstäbchen ebenfalls 0,35 Euro. Die Biovariante mit 200 Stäbchen bekommt man für 0,99 Euro, ebenfalls in einer Pappverpackung, allerdings mit kleinem Plastikfensterchen. In den großen Märkten sind Wattestäbchen ohne Plastik noch nicht im Sortiment vorhanden.

Ein Sprecher von Real teilte auf Anfrage unserer Zeitung mit, dass das Thema Umweltschutz und Nachhaltigkeit einen hohen Stellenwert im Unternehmen einnehme. Auf die von der EU-Kommission ins Visier genommenen Einwegprodukte wurde dabei nicht näher eingegangen. Allerdings verzichte Real seit einem Jahr in allen 282 Märkten in Deutschland auf den Verkauf von Plastik-Tragetaschen. Dies entspräche einer Reduzierung von rund 940 Tonnen Kunststoff jährlich.

Galeria Kaufhof wollte sich zu dem Thema nicht äußern, allerdings bezeichnet der Handelsverband Deutschland (HDE) – Sprachrohr der Einzelhandelsbranche – die vorgeschlagenen Verbote der EU-Kommission auf seiner Homepage als nicht zielführend. Der HDE fordert stattdessen eine Gesamtstrategie für besseres Recycling. Edeka Aschoff hatte bis gestern Abend auf eine Anfrage hinsichtlich einer eventuellen Anpassung des Sortiments nicht reagiert.

Die Expertin: "Ein erster Schritt"

Rana Badreddine

Plastik sorgt für immer größere Umweltprobleme. Ob das geplante EU-Verbot für bestimmte Einweg-Plastikprodukte das ändern kann, darüber sprachen wir mit Dr. Rana Badreddine (38), Dozentin im Fachgebiet Abfalltechnik an der Universität Kassel.

Frau Badreddine, ist ein Verbot von Strohhalmen und Co. sinnvoll oder handelt es sich um reine Alibi-Politik? Die Hauptmenge an Plastik wird doch in anderen Bereichen verwendet.

Rana Badreddine: Wenn das Verbot der einzige Schritt bleibt, dann ist es mangelhaft. Als erster Schritt aber ist es ein sehr guter Anfang. Wie sinnvoll ein Verbot von anderen Produkten wäre, hängt von der Art des Plastiks ab. Die Verbrennung von Polyvinylchlorid (PVC) zum Beispiel setzt giftige Gase wie Chlor frei. Polyethylen (PE) hingegen verbrennt nahezu rückstandsfrei. Außerdem gibt es Einsatzbereiche, beispielsweise in der Medizin, in denen es keine Alternative zu Plastikprodukten gibt.

Bewirkt ein Verbot innerhalb der EU überhaupt etwas? Schließlich werden die Probleme doch vor allem im asiatischen Raum verursacht.

Badreddine: Es wäre ein Schritt in die richtige Richtung, weil die Quelle der Umweltverschmutzung zumindest kleiner würde.

Was müsste über das Verbot hinaus passieren, um dem Müllproblem zu begegnen?

Badreddine: Es müsste mehr recycelt werden. Aber auch das hat seine Grenzen. Außerdem müssten die Verbraucher ihr Verhalten ändern.

Was kann der Einzelne tun?

Badreddine: Sehr viel. Wenn er bestimmte Produkte nicht verbraucht, bleibt mehr am Lager und langfristig wird weniger davon produziert. Es braucht einen Wandel in der Einstellung der Verbraucher. Wenn jeder bei sich selbst anfängt, sind wir auf einem guten Weg.

Umfrage: Halten Sie ein Verbot für notwendig?

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