Sein Chef ist das Handy

Traumjob oder Ausbeutung auf zwei Rädern? Das ist der Foodora-Fahrer, der uns das Essen bringt

Seine Schicht beginnt immer auf dem Königsplatz: Foodora-Fahrer Carlos Alberto Lührs Middleton ist bis zu 50 Kilometer am Tag mit seinem Crossbike oder Rennrad unterwegs.
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Seine Schicht beginnt immer auf dem Königsplatz: Foodora-Fahrer Carlos Alberto Lührs Middleton ist bis zu 50 Kilometer am Tag mit seinem Crossbike oder Rennrad unterwegs.

In Großstädten ist das Pink des Lieferdienstes Foodora allgegenwärtig. Aber wer sind die Radkuriere, die uns das Essen zum Mindestlohn nach Hause bringen? Ein Kasseler Fahrer erzählt.

Für Carlos Alberto Lührs Middleton ist es ein Traumberuf, sich bei minus 7 Grad stundenlang auf dem Rad im hügeligen Kassel abzustrampeln und dabei Autoabgase einzuatmen. Bis zu 23 Stunden in der Woche ist der 34-Jährige in seiner pinken Foodora-Jacke und mit einem Riesenrucksack auf dem Rücken unterwegs, um Essen auszufahren. Gut bezahlt wird der Radkurier nicht, aber Lührs Middleton sagt: "Ich verdiene Geld, bleibe dabei fit, ich bin sehr zufrieden."

Man kann offensichtlich viel Spaß haben als "moderner Sklave". So werden die für Firmen wie Foodora und Lieferando radelnden Essensauslieferer von Kritikern genannt. Sie sind mit dem eigenen Velo unterwegs. Auch das Handy, über das sie ihre Anweisungen bekommen, müssen sie selbst stellen. Dafür gibt es nur den gesetzlichen Mindestlohn von 9,19 Euro. Das sei Ausbeutung auf zwei Rädern, heißt es.

Während das Pink von Foodora in Metropolen wie Berlin schon seit längerem allgegenwärtig ist, können sich Kunden in Kassel erst seit vorigen Mai das Essen nach Hause bringen lassen. Lührs Middleton ist ein Fahrer der ersten Stunde. Wie seine mehr als 30 Kollegen bekommt er auf seiner Handy-App angezeigt, wenn ein Kunde etwas in einer Pizzeria, bei Nordsee oder McDonald's bestellt hat. Auf seinem Crossbike radelt er zum Lokal, dort erhält er ebenfalls auf dem Smartphone die Adresse des Kunden.

Der Beitrag stammt von der Video-Plattform Glomex und wurde nicht von HNA.de erstellt.

Essen wird auch in den Puff geliefert

Bei Foodora bestellen alle, sagt Lührs Middleton. Familien, die keine Lust aufs Kochen haben, Studenten und Singles, die nach einem langen Tag im Büro einfach müde sind. Bis zu 50 Kilometer ist der Deutsch-Chilene in einer Fünf-Stunden-Schicht unterwegs. In 60 Minuten schafft er bis zu vier Bestellungen. Weil er auch Ansprechpartner für die anderen Fahrer ist, bekommt Lührs Middleton etwas mehr als den Mindestlohn. Ein Bonussystem belohnt Fahrer, die viel ausliefern. Zusätzliches Geld gibt es für Ersatzteile und Reparaturen am Rad. 

Dazu kommt Trinkgeld. Einmal hat ihm ein Kunde sechs Euro in die Hand gedrückt. Auch im Puff, in den er Burger gebracht hat, gab es Trinkgeld. "Ich verdiene jetzt 30 Prozent mehr als vorher in einer Bäckerei", sagt Lührs Middleton, wo er als Verkäufer tätig war. Den Begriff Sklaverei für seinen Beruf mag er überhaupt nicht. Für ihn ist es ein angenehmer Job, um sein Studium zu finanzieren.

Bei Foodora läuft alles über die App

Vor sieben Jahren ist er aus der viertgrößten chilenischen Stadt Viña del Mar nach Berlin gezogen. Eigentlich wollte er dort studieren, aber dann hat er das Leben in der Welt-Party-Hauptstadt genossen. Er jobbte als Kellner und Briefzusteller. Mit dem Rad war er jeden Tag in Neukölln unterwegs: "Das ist ein knallhartes Pflaster."

Wegen seiner Freundin, die in Kassel studiert, zog er ins beschauliche Nordhessen. Gerade hat er sein Biologiestudium begonnen. In seinem Riesenrucksack hat er nicht nur Pizzen und eine Kühltasche für Getränke, sondern auch immer einige Bücher, damit er zwischendurch lernen kann, wenn ihn sein Handy nicht gerade zum nächsten Kunden schickt.

Seine Chefs in der Berliner Firmenzentrale hat er noch nie gesehen. Der Kontakt läuft ebenfalls über die App. "Das Handy ist mein Chef", sagt Lührs Middleton. Für ihn bedeutet das Freiheit. Im Berliner Lokal, wo er früher jobbte, gab es keine ruhige Minute. Wenn einmal nichts zu tun war (und das war selten), sagte der Chef, er solle die Gläser putzen. Die Foodora-Fahrer werden dagegen nur über GPS überwacht.

Diese neue Form der Abhängigkeit im Kapitalismus haben gerade vier Wissenschaftlerinnen für die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung untersucht. In der Studie kommen die Autorinnen zu dem Schluss: "Viele der Befragten finden Anweisungen von einem Algorithmus offenbar weniger störend als Anweisungen von einem menschlichen Chef."

Foodora: Übernahme durch Lieferando

Die Frage ist, wie lange das gut gehen kann - für beide Seiten. Foodora und die beiden anderen Marken Lieferheld sowie Pizza.de wurden vom Besitzer Delivery Hero gerade an den niederländischen Lieferkonzern Takeaway verkauft, der in Deutschland als Lieferando auftritt. Beide Firmen sollen in einem Jahr mehr als 100 Millionen Euro in Werbung gesteckt haben, um neue Kunden zu gewinnen. Experten sprechen von einem knallharten Verdrängungswettbewerb. Irgendwann könnten die pinken Foodora-Räder aus den deutschen Städten verschwunden und durch orangene Lieferando-E-Bikes ersetzt sein. Für Lührs Middleton und seine Kollegen gehe alles so weiter wie bisher, hat man dem Neu-Kasseler versichert. Im Schnitt bleiben die Mitarbeiter nur sechs bis acht Monate bei Foodora. Lührs Middleton dagegen denkt nicht ans Aufhören: "Ich bleibe noch ein bisschen."

Irgendwann will er als Biologe forschen. Er könnte sich vorstellen, selbst dann hin und wieder als Mini-Jobber auf dem Rad Essen auszuliefern. "Andere gehen ins Fitnessstudio, ich lasse mir meinen Sport bezahlen", sagt er über seinen Traumjob, der nicht für jeden etwas wäre: "Wer nicht gern Rad fährt und schnell friert, wird leiden."

So funktioniert Foodora

Bei Foodora und anderen Lieferdiensten bestellen Kunden über die Webseite. In Kassel kann man zum Beispiel zwischen mehreren Schnellrestaurants wie KFC und McDonald's sowie Restaurants wie L'Osteria und Bolero wählen. Bezahlt wird online oder auch bar beim Radkurier, der das Gericht im Lokal abholt und dann zum Kunden bringt.

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