Vollautomatische Lehrfabrik in Betrieb genommen

Die Limonaden-Fabrik der Zukunft entsteht an der Uni Kassel

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Nimmermüde Helfer in der Getränkefabrik: Die Logistik-Roboter erinnern an selbstfahrende Staubsauger. Sie wirken im Vergleich zur Statur eines Menschen winzig. Sie orientieren sich durch Infrarotkameras, die die Umgebung abscannen.  

Kassel. Die Universität hat jetzt eine weltweit wohl einzigartige Getränkefabrik in Betrieb genommen, die ganz ohne menschliche Arbeitskraft funktioniert. Und die niemals müde wird. 

Sie sehen aus wie die handelsüblichen Roboter-Staubsauger, blinken und bewegen sich fast geräuschlos an Aromatisierungs- und Abfüllstationen – den sogenannten Prozessinseln – vorbei, transportieren Getränkebehälter ohne sich in die Quere zu kommen und geben sie bei ihrem stummen Kollegen im Lager ab. Die Roboter stapeln die Produkte in Regalen, 24 Stunden am Tag, ohne jemals müde zu werden. Ein Mensch ist hier nicht mehr zu sehen - abgesehen von den wissenschaftlichen Mitarbeitern vor den Computerbildschirmen der Leitwarte, die den Produktionsprozess steuern und überwachen.

Allerdings werden hier nicht wirklich Getränke gemixt und abgefüllt. Die Limonade besteht aus gefärbtem Wasser. Aber die Modellfabrik zeigt, was technisch heute durch die Digitalisierung der Industrie schon möglich ist. Ein Lehrstück für Studierende, die beim Betrieb dieser Fabrik praktische Erfahrungen sammeln, die ihnen später im Wettbewerb um die besten Jobs in der Industrie Vorteile verschaffen können. Zu diesen Erfahrungen gehört, dass heute Ingenieure nicht mehr als Einzelkämpfer bestehen können sondern im Verbund mit Elektrotechnikern, Informatikern, Datenspezialisten und Maschinenbauern arbeiten müssen, um zum Ziel zu gelangen. „Wir wollen die Studierenden fit für die Technik von morgen machen“, sagt Prof. Dr. Andreas Kroll, Leiter des Fachgebiets Mess- und Regelungstechnik. Seines Wissens sei die neue Anlage in Kassel in ihrer Komplexität weltweit einzigartig.

Hier erhält die Limo ihren Geschmack: Wissenschaftlicher Mitarbeiter Alexander Rehmer an der Prozessinsel. Die Roboter „tanken“ hier Farbkugeln, die sich in Wasser auflösen.

Doch nicht nur für Studierende ist diese Modellfabrik als Experimentierfeld interessant. Auch die Industrie hat trotz ihres schon hohen Automatisierungsgrads ein Interesse an flexiblen Produktionssystemen. Die Kasseler Fabrik bietet zusätzliche Möglichkeiten. Sie besteht aus vielen Modulen, die miteinander kommunizieren können. Die Roboter sind nicht nur einfache Laufburschen, sondern können sich schnell auf neue Aufträge einstellen. Wenn mal schnell eine Kleinserie eines anderen Produkts hergestellt werden soll, wenn das Unternehmen sofort auf einen neuen Trend am Markt reagieren will, ist das ohne größere Umbauarbeiten möglich. „Bisher gibt es wenig Einsatz von flexiblen Robotern“, sagt Kroll.

Die Modellfabrik lässt ahnen, dass in der Fabrik von morgen wohl noch weniger Menschen benötigt werden als dies heute schon der Fall ist. Das sei ein Problem, das nicht zu seinem Fachgebiet gehöre, sagt Kroll. Nur so viel: Durch den Bau intelligenter Fabriken würden Freiräume für die Kreativität der Mitarbeiter von Unternehmen geschaffen. Außerdem werde die Bedeutung der Wartung steigen. Und dafür brauche man Menschen.

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