Rüstungsatlas belegt Verstrickung der Region in türkische Offensive

Linke: Waffen aus Nordhessen werden im Syrienkrieg eingesetzt

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Stammt in Teilen aus Hessen: Ein Panzer Leopard 2A4 der türkischen Armee ist am 21. Januar 2018 in der türkischen Provinz Hatay auf dem Weg nach Afrin in Syrien. Die Türkei hat mit einer groß angelegten Militär-Offensive gegen kurdische Verbände in Syrien international Besorgnis ausgelöst. 

Wiesbaden/Kassel. Im Januar ist die Türkei in die nordsyrische Region Afrin einmarschiert. Seither toben dort blutige Kämpfe, die auch mit Waffen aus deutscher Produktion geführt werden.

Teile davon stammen nach Angaben der Linken aus Hessen – konkret auch aus Kassel. Das berichtete der Linken-Abgeordnete Jan Schalauske bei der Präsentation des „Rüstungsatlas’ Hessen“, den die Landtagsfraktion in Auftrag gegeben hatte.

Im Zentrum des Papiers stehen die Kasseler Rüstungsunternehmen Krauss-Maffei Wegman (KMW) und Rheinmetall. Aus dem KMW-Werk seien sämtliche Panzertürme für die Leopard-2-Kampfpanzer geliefert worden, so auch für die in der Türkei, berichtet der Autor der Studie und Sprecher des Bundesausschusses Friedensratschlag, Lühr Henken. KMW habe demnach auch die Geschütztürme für die Panzer hergestellt, die „derzeit Dörfer und Städte in Nordsyrien attackieren“, folgerte Schalauske. Den Krieg um Afrin bezeichnete er als „völkerrechtswidrigen Angriffskrieg“ der Türkei.

Bereits Ende Januar war bekannt geworden, dass auf Fotos von der Offensive der Türkei gegen kurdische Einheiten in Syrien auch Kampfpanzer vom Typ Leopard 2A4 zu erkennen sind. Inzwischen hat die türkische Regierung deren Einsatz im Rahmen der „Operation Olivenzweig“ gegenüber der Bundesregierung auch bestätigt.

Jan Schalauske

Die Panzer stammen aus ausgemusterten Beständen der Bundeswehr und wurden von KMW hergestellt. Die Türme wurden in Kassel produziert, die Fahrzeuge in München. Rheinmetall stattete den Leopard mit Glattrohrkanonen aus. Die Waffen werden im niedersächsischen Unterlüß im Kreis Celle hergestellt.

Die Bundeswehr hatte dem Nato-Partner Türkei nach einem Beschluss der rot-grünen Bundesregierung seit 2005 354 Exemplare des Leopard 2 geliefert. Einschränkungen zum Einsatz gab es nicht. Der Türkei wurde lediglich verboten, die Panzer ohne Zustimmung der Bundesregierung an Dritte zu verschenken oder zu verkaufen.

Insgesamt listet Henken in seiner Studie 61 hessische Unternehmen auf, die mit Rüstung zu tun haben. Darunter nennt er als weitere bedeutende Rüstungsfirma das Unternehmen Fritz Werner in Geisenheim (Rheingau-Taunus-Kreis), das im Maschinen- und Anlagenbau für Munition tätig ist. Aber auch Beratungs- und Transportbetriebe werden in der Broschüre aufgezählt. Besonderer Bedeutung komme etwa dem Unternehmen DB Schenker mit Hauptsitz in Frankfurt zu. Der Logistiker transportiere Waffen und Kriegsausrüstungen für die Bundeswehr, die US-Armee und andere Armeen rund um den Globus. „Von hessischem Boden geht Krieg aus“, folgerte Schalauske. Das sei ein Verstoß gegen das Verfassungsgebot, nach dem Krieg geächtet ist.

Hintergrund: Leopard 2 ist deutscher Verkaufserfolg

Der Kampfpanzer Leopard 2 wird seit 1979 durch die Firma Krauss-Maffei Wegmann hergestellt. Montiert wird er in München. Der Panzer bietet vier Soldaten Platz. Seine Hauptwaffe ist eine 120 Millimeter-Glattrohrkanone. Mit ihr lassen sich während der Fahrt Ziele in einer Entfernung bis zu 2500 Meter bekämpfen. Dank eines Motors mit einer Leistung von 1500 PS erreicht der bis zu 63 Tonnen schwere Panzer eine Höchstgeschwindigkeit von gut 70 Stundenkilometern. Der Leopard kann sich komplett um die eigene Achse drehen. Er kann Tiefwaten durchqueren, also Gewässer bis zu 2,25 Meter Tiefe. Der Leopard 2 ist ein deutscher Verkaufserfolg. Mehr als 3000 Exemplare wurden bisher gebaut. Geliefert wurden die Panzer an zahlreiche Länder.

Hintergrund: Fünf Werke mit 2400 Beschäftigten

Kassel ist neben München und Unterlüß in der Südheide historisch ein Zentrum der deutschen Heerestechnik-Industrie und der einzige Standort, an dem beide Hersteller Rheinmetall und Krauss-Maffei Wegmann (KMW) produzieren.

KMW beschäftigt in drei Werken in Kassel 1400 seiner insgesamt 3600 Mitarbeiter. Dort werden neben Türmen für den schweren Kampfpanzer Leopard 2 unter anderem auch die Panzerhaubitze 2000, das Nachfolgegeschütz der Artillerie AGM, der Spähpanzer Fennek, der Luftabwehrpanzer Gepard, der Schützenpanzer Puma gebaut. Außerdem kommen streng geheime Hochleistungselektronik etwa für den Leopard sowie Spezialkabelbäume laus Kassel.

Rheinmetall betreibt zwei Werke in Kassel mit insgesamt 1000 Mitarbeitern. Eines beschäftigt sich vor allem mit Ketten-, das andere mit Radfahrzeugen. Gebaut werden in Kassel unter anderem der Transportpanzer Boxer, Berge-, Pionier- und Minenräumpanzer, sowie Komponenten für verschiedene Fahrzeuge, darunter MAN-Militär-Lkw, die in einem Schwesterwerk in Wien vom Band laufen.

Sowohl KMW als auch Rheinmetall verdienen ihr Geld zusätzlich mit aufwendiger Instandsetzung, Wartung und Modernisierung von Panzern.

Kassel als Rüstungsstandort im Zweiten Weltkrieg

Im Zweiten Weltkrieg: Die Aufnahme zeigt eine Kolonne von Panzern des Henschel-Modells Tiger in der Ukraine.

Nach der verheerenden Bombennacht vom 22. Oktober 1943 war Kassel in weiten Teilen nur noch eine Trümmerlandschaft. Trotzdem ging die Rüstungsproduktion auf Hochtouren weiter. Selbst als die Amerikaner am 4. April 1945 schon in der Stadt einmarschierten, lieferte Henschel noch zwei Panzer aus.

Kassel gehörte im Zweiten Weltkrieg zu den wichtigsten Rüstungsstandorten in Nazi-Deutschland. Auf der Liste der Luftkriegsziele stand die Stadt für Amerikaner und Briten deshalb ganz weit oben. Vorrangiges Ziel der Bomberpiloten waren die Henschel-Standorte am Holländischen Platz, in Rothenditmold, Mittelfeld sowie Henschel-Flugmotoren in Altenbauna. Ebenfalls im Visier der Alliierten: der Flugzeugbau von Fieseler in Bettenhausen, Waldau und Lohfelden, Wegmann in Rothenditmold, die Spinnfaser AG und Junkers in Bettenhausen sowie die Waggonbaufabrik Credé in Niederzwehren.

Insbesondere für die Produktion des Tiger-Panzers war Henschel bekannt. Der wichtigste Zulieferer war die als Waggonfabrik gegründete Firma Wegmann, die die Türme für den Tiger herstellte. Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs wurden in Kassel 1348 Panzer des 58 Tonnen schweren Modells Tiger I hergestellt. Der noch größere Tiger II (70 Tonnen), auch Königstiger genannt, wurde 480 mal produziert. Diese Panzer setzte die Wehrmacht unter anderem beim Russlandfeldzug ein. Sie galten als besonders kampfstark, hatten aber eine störanfällige Technik.

Der Aufwand für die Rüstungsproduktion war enorm. Zwischen 1939 und 1943 verdoppelte sich die Zahl der Henschelmitarbeiter nahezu auf 22.000. Bis zu 13.000 Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene waren darunter. Je länger der Krieg dauerte, desto gnadenloser wurde zur Arbeit angetrieben. Bis kurz vor Kriegsende gab es Angriffe. In Luftschutzstollen, die die Werke Rothenditmold und Mittelfeld verbanden, suchten die Menschen Schutz. Obwohl die Werkshallen bei zahlreichen Bombenangriffen schwer beschädigt wurden, stiegen die Auslieferungszahlen. Sie erreichten 1944 ihren Höhepunkt.

Nur wenige Henschel-Hallen blieben stehen. Die nutzten kurz nach Kriegsende die Amerikaner als Reparaturwerkstatt. Rüstungsproduktion war in Deutschland zunächst noch verboten. Die ersten Nachkriegsprodukte bei Henschel waren Pfannen und Töpfe, die aus Stahlhelmen hergestellt wurden.

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