Sportwissenschaftler der Uni Kassel untersuchen Zusammenhang mit der Schreib- und Leserichtung

Linkshändige Angreifer sind im Vorteil

Legendärer Knock-out mit links: Der Boxer Joe Frazier (rechts) besiegte 1971 den damaligen Weltmeister Muhammed Ali. Den entscheidenden Schlag verpasste er seinem Gegner mit der Linken. Foto:  Picture Alliance

Kassel. Als Norbert Hagemann noch in der Zweiten Liga im Handballtor stand, hatte er mit Würfen von Linkshändern große Probleme. „Ich bin oft in die falsche Ecke gesprungen“, erinnert sich der 41-Jährige. Heute ist er Professor für Sportpsychologie an der Uni Kassel und erforscht dieses Phänomen, das speziell bei Zweikampf-Sportarten auftritt.

Warum sind Linkshänder im sportlichen Gegenüber überdurchschnittlich erfolgreich? Und was könnte die Leserichtung damit zu tun haben?

„In Sportarten, bei denen sich Athleten gegenüberstehen und schnell aufeinander reagieren müssen, stehen überproportional viele linkshändige Spieler in den Weltranglisten oben“, sagt Hagemann. Ob Tischtennis, Fechten, Badminton, Boxen oder beim Siebenmeter im Handball: „Wir vermuten, dass die meisten Sportler motorisch schlechter an linkshändige Gegner angepasst sind.“

Analyse von Box-Attacken

Norbert Hagemann

Ein Grund für den Linkshändervorteil könnte laut Hagemann sein, dass die meisten Sportler ihre Bewegungsabläufe auf rechtshändige Gegner ausgerichtet haben, da sie mit ihnen mehr Erfahrung gesammelt haben. Schließlich bevorzugen weltweit etwa 90 Prozent die rechte Hand. „Wir vermuten deshalb auch, dass Spieler in Rückschlagsportarten die Tendenz haben, einen Ball nach rechts zu schlagen“, sagt Hagemann. Davon profitierten beispielsweise auch im Badminton Linkshänder, da ihnen viel seltener auf die Rückhand gespielt wird.

Florian Loffing

Gewissheit sollen Feldversuche bringen. So zeigen Hagemann und seine Mitarbeiter Testpersonen Filmsequenzen verschiedener Zweikampf-Sportarten. Unter anderem auch einen Boxer, der frontal in die Kamera schaut und dabei schlägt. Das Video wird an einigen Stellen gespiegelt, sodass der Athlet mal mit rechts, mal mit links schlägt. Per Tastendruck sollen die Testpersonen angeben, wann sie einen Angriff erwarten. Gleichzeitig wird ihr Blickverhalten mithilfe einer Kamera aufgezeichnet und analysiert. „Wir nehmen an, dass die Probanden Angriffe mit links deutlich schlechter antizipieren können“, sagt Dr. Florian Loffing (32), der die Tests koordiniert.

Das Boxer-Experiment hilft den Sportwissenschaftlern auch dabei, den „Pseudoneglect“-Effekt zu überprüfen. Dieser besagt, dass die meisten Menschen Reize im linken visuellen Feld besser wahrnehmen. Übertragen auf den Sport würde das bedeuten, dass ein Boxer tendenziell mehr auf die rechte Hand seines Gegners achtet - bei Linkshändern ist das allerdings nicht die starke Schlaghand.

„Wahrscheinlich ist das kulturell bedingt, weil wir von links nach rechts schreiben und lesen“, sagt Loffing. Sollte sich dieser Effekt bestätigen, hätte Hagemann auch endlich eine Erklärung dafür, warum er damals im Handballtor bei Linkshändern so oft danebengegriffen hat. Fotos: Schaffner

Von Sebastian Schaffner

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