Holger Petzhold hat sieben Jahre auf der Straße gelebt und ist wieder sesshaft

Aus dem Loch ans Licht

Wieder sesshaft: Holger Petzhold lebte sieben Jahre lang auf der Straße, bevor er wieder in eine eigene Wohnung einzog. Zusammen mit Martina Dittel, Leiterin des Seniorenzentrums Renthof, schmückt der Ein-Euro-Jobber den Tannenbaum in dem Seniorenzentrum. Foto: Schoelzchen

Kassel. Den 70 Kilometer langen Gewaltmarsch von Flensburg nach Schleswig wird Holger Petzhold nie vergessen. Das war im Winter 1999 und der Beginn seines Straßenlebens, das sieben lange Jahre dauern sollte. Seine damalige Ehefrau, mit der er drei Kinder hat, setzt ihn einfach vor die Tür: Wegen eines anderen Mannes. Das hat ihn umgehauen. „Das ist wie ein Loch: Man fällt und fällt und fällt“, erzählt der 37-Jährige mit leiser Stimme.

Auf Rosen war sein Leben auch vorher nicht gebettet: In der Pubertät war er verhaltensauffällig, zwei Lehren als Tischler und Maler bricht der Hauptschüler ab. Seine Familie ist sein ganzer Halt. Als diese zerbricht, landet er auf der Straße.

Wenn man das erste Mal bettelt, dann müsse man den inneren Schweinehund überwinden, sagt er. „Ich habe mich anfangs ganz mies gefühlt, denn es war mir peinlich.“ Zehn bis 15 Mark täglich hat er auf der Einkaufsmeile in der Hamburger Innenstadt zusammengebettelt. Von dem Geld hat sich der Mann aus dem Kreis Pinneberg zu essen gekauft und Tabak. Alkoholprobleme habe er nicht gehabt, sagt er. Auf der Straße lernt er, keine Gefühle zu zeigen. „Ich lasse bis heute nichts mehr an mich heran.“

Mit seinen Kumpel hat er nicht viel zu tun. „Das waren Zweckgemeinschaften. Wir lagen mal zwei, drei Nächte im Schlafsack nebeneinander.“ Auch um Notschlafstellen macht Petzhold einen großen Bogen. „Da musst du alles, was du hast, festnageln.“ Die neue Generation der Obdachlosen sei nur ichbezogen, sagt er.

Mitte 2000 versucht Petzhold in Würzburg zum ersten Mal wieder Fuß zu fassen. Aber bei der Suche nach einem eigenen Dach überm Kopf und einer Arbeitsstelle seien ihm Steine in den Weg gelegt worden, sagt er.

Danach zieht er durch die Lande. Mitte 2002 sitzt Petzold wieder dort, wo er begonnen hat: In einer Einkaufspassage in Hamburg. „Jetzt begannen wieder die Machtkämpfe um die besten Schnurrerplätze, um die Suppe und den heißen Kaffee bei der Bahnhofsmission.“ Petzhold landet bei Drückerkolonnen und Schaustellern. Das Leben auf der Straße zermürbt ihn zusehends.

Der Mann hatte sich schon selbst aufgegeben, als er in Göttingen 2006 eine Frau kennen lernt. Sie, die er heute seine „allerbeste Freundin“ nennt, wird von ihm schwanger. Das inzwischen drei Jahre alte Kind gibt ihm Kraft und Mut. „Jetzt reiß dich mal am Riemen“, habe er zu sich selbst gesagt.

Es hat geklappt. Holger Petzhold hat eine eigene Wohnung, ein Telefon und einen Computer. Darauf ist er stolz. Und im Seniorenzentrum Renthof hat der Hartz-IV-Empfänger einen Ein-Euro-Job im Bereich Haustechnik. Was jetzt noch fehlt? „Eine Ausbildung zum Altenpflegehelfer - denn ich möchte mein eigenes Geld verdienen.“

Von Beate Eder

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