Wie andere Länder mit Corona umgehen

Lockdown für eine Woche: Kasselerin, die in Australien lebt, spricht über die Pandemie

Laura Diehls in einem australischen Nationalpark.
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Lebt seit 2018 in Australien: Die Kasselerin Laura Diels erzählt, wie dort mit der Pandemie umgegangen wird.

Laura Diehls hätte nie geglaubt, dass sie jemand sein könnte, der einfach auswandert. Seit mehr als zwei Jahren lebt die 23-Jährige aus Kassel mittlerweile mit ihrem Verlobten in der australischen Stadt Perth. Die Einschränkungen durch Corona sind dort weniger zu spüren als in Deutschland, sagt sie im Interview.

Frau Diehls, wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf Ihren Alltag aus?
Tatsächlich kaum. Eine Vorlesung, zu der normalerweise 300 Studenten kommen, findet momentan nur online statt. Die anderen Veranstaltungen sind aber vor Ort. Wenn man in Geschäfte geht, muss man sich mit einer Corona-App einloggen, die aufzeichnet, dass man dort war. Überall sind Schilder, dass man Abstand halten soll. Ansonsten ist das Leben hier an der Westküste nicht eingeschränkt.
Ist Reisen derzeit möglich?
Reisen ist mittlerweile eingeschränkt im Land wieder möglich, aber nur zu bestimmten Zwecken. Im Lockdown im Frühjahr durfte man sich nur fünf Kilometer von seinem Grundstück entfernen. Nach Australien einreisen dürfen allerdings nur Staatsbürger und Residenten. Wer einreist, muss zwei Wochen in ein Hotel in Quarantäne. Da kann man nicht wählen, sondern wird sofort vom Flughafen dorthin gebracht.
Wie wirkt sich die strikte Quarantäne auf die Zahl der Infizierten aus?
Es gibt zumindest hier in Westaustralien keine Coronafälle. Vor ein paar Wochen gab es einen Infizierten. Da hat sich offenbar jemand angesteckt, der im Sicherheitsdienst der Hotelquarantäne gearbeitet hat. Innerhalb von Stunden kam es so zum totalen Lockdown für die ganze Region. Der Lockdown dauerte eine Woche, danach mussten noch eine Woche Masken getragen. Danach war alles wieder weitgehend normal.
Wie wurde der Lockdown kommuniziert?
Ich hab es aus dem Internet erfahren. Wir hatten drei Stunden Zeit, uns Masken zu besorgen. Bis dahin hatten wir gar keine. Was dann kam, war wie ein Weltuntergang. Die Läden waren voll, die Regale leer, Masken ausverkauft – verrückt.
Wie waren die Vorgaben im Lockdown?
Man durfte eine Stunde am Tag mit Maske rausgehen. Immer wenn man das Grundstück verlassen hat, musste man die Maske aufsetzen. Auch beim Hundespaziergang im Wald hat man die Maske getragen. Das hat gut funktioniert, also ich hab tatsächlich niemanden gesehen, der im Laden die Maske unter die Nase gezogen hat. Ich glaube, hier schätzen viele ihre Freiheit nochmal anders, weil man sieht, wie es in anderen Teilen der Welt laufen kann. Trotzdem waren alle froh, dass es nach einer Woche wieder vorbei war.
Wie wurde danach gelockert?
Nach der einen Woche wurde hier vieles wieder geöffnet. In Restaurants und Bars wurde allerdings nur am Tisch bedient. Nach der zweiten Woche waren auch Clubs und Bars wieder normal geöffnet. Man muss keine Masken mehr tragen.
Werden in Australien Coronatests gemacht?
Es gibt bislang keine Selbsttests. Es gibt sogenannte Teststraßen, die sind ähnlich der deutschen Testcenter, in denen PCR-Tests gemacht werden. Inzwischen kommt man nur noch mit Überweisung hin. Vorher war es so, dass man einfach dort hingehen konnte.
Und wie sieht es mit Impfungen aus?
Es wurde jetzt angefangen. Es sind aber noch deutlich weniger Menschen geimpft als in Deutschland. Es wird hier ähnlich gemacht wie in Deutschland. Man impft zuerst ältere Menschen und Vorerkrankte.
Verfolgt man das Geschehen in Europa rund um Corona?
Ich persönlich ja, aber das liegt eher daran, dass ich eben aus Deutschland komme. Wenn man keine Verwandten, Freunde und Familie im Ausland hat, interessiert man sich dafür, glaube ich, eher nicht so sehr. Außer es geht darum, wann man das nächste Mal in den Urlaub fahren kann.
Reisen Australier genau so gern wie Deutsche?
Das ist schon Thema. Bali ist hier wie für die Deutschen Mallorca, da würden gern viele wieder hinfahren. Reisen im Land sind durch Corona auch hier viel beliebter geworden. Viele fangen genau wie in Deutschland jetzt erst an, das eigene Land zu entdecken.
Was ist der gravierendste Unterschied zwischen Deutschland und Australien?
Gerade Perth ist sehr isoliert. Man ist von hier sehr schnell im kaum besiedelten Outback (Hinterland). Die nächste Millionenstadt Adelaide liegt gut 2500 Kilometer entfernt. In Perth leben knapp zwei Millionen Menschen. Man wohnt hier weniger in Wohnungen, sondern eher hat jeder sein eigenes Grundstück. Die Menschen haben hier mehr Platz, vielleicht auch ein Grund, dass es hier weniger Ansteckungen gibt.
Es gibt also auch weniger Kontakte?
Die Australier gehen nicht so gern nach draußen wie die Deutschen. Man trifft sich eher in Bars und Pubs als im Park. Wenn diese Orte wie im Lockdown geschlossen sind, trifft man sich eben nicht.
Hatten Sie zeitweise Bedenken und haben gedacht, dass Sie lieber in Deutschland sein würden?
Ganz am Anfang der Pandemie habe ich überlegt, ob ich wieder nach Deutschland fliegen soll. Ich hatte Angst um meine Familie. Es wusste ja niemand, wie gefährlich das Virus ist.
Und jetzt?
Jetzt habe ich einfach Heimweh, weil ich alle so lange nicht gesehen habe. Da denke ich manchmal, ich wäre jetzt lieber in Deutschland. Aber ich glaube, wenn ich dort wäre, dann wäre ich lieber wieder hier, weil man hier mit Blick auf Corona mehr Freiheiten hat. (Kathrin Meyer)

Zur Person

Laura Diehls ist in Vellmar aufgewachsen und hat zuletzt in Kassel gelebt. Die 23-Jährige hat ihr Abitur 2018 am Wilhelmsgymnasium gemacht. Wenige Monate später ist Diehls nach Australien in die Heimat ihres Verlobten ausgewandert. Kennengelernt hat sich das Paar in Deutschland, wo Diehls Verlobter eine Zeit lang als Sprechlehrer gearbeitet hat. In Australien studiert Diehls Biologie und Umweltwissenschaften. Bevor sie ausgewandert ist, war Diehls nur einmal für zwei Wochen in Australien. Der Aushandslandsaufenthalt war ursprünglich nur für ein Jahr angedacht. Mittlerweile fühlt sie sich Diehls in Perth heimisch. Aktuell ist es für sie kein Thema, zurück nach Deutschland zu kommen. 

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